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Jedes Kind ist wertvoll – Eine Antwort an die Hilfsorganisation Plan International

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Auf den offenen Brief, den ich an die Hilfsorganisation PLAN geschrieben hatte, habe ich nun doch noch eine Antwort bekommen. Ich hatte die Hilfsorganisation danach gefragt, warum auf ihrer großen und weithin präsenten Werbeaktion Gewalt gegen Mädchen, aber nicht Gewalt gegen Kinder generell abgelehnt werde. Denn dadurch würde Gewalt gegen Jungen als weniger schlimm, vielleicht gar als ganz in Ordnung erscheinen.

Nun hat bei Facebook, wo ich den Brief gepostet hatte, „dein Team von Plan“ geantwortet.

Lieber Man tau – Lucas Schoppe,
es tut uns leid, dass wir bis jetzt noch nicht auf deinen Beitrag auf unserer Seite reagiert haben, es muss uns versehentlich im Tagesgeschäft durchgerutscht sein.
Wir setzen uns für die Kinderrechte und die Gleichberechtigung von Mädchen UND Jungen ein. Das heißt, wir fördern Mädchen und Jungen gleichermaßen, berücksichtigen aber auch geschlechtsspezifische Benachteiligungen. Natürlich leiden auch Jungen unter Kinderrechtsverletzungen. Auch ihnen wiederfährt Gewalt, sie werden ausgebeutet oder misshandelt – das wissen wir als Kinderhilfsorganisation aus unserer Arbeit vor Ort. Mit unserer Kampagne „Gewalt gegen Mädchen stoppen“ wollen wir die Aufmerksamkeit aber speziell auf den Umstand lenken, dass Mädchen vor allem in Entwicklungsländern noch immer als Menschen zweiter Klasse gelten und dass sie deshalb im Verhältnis oft noch schlechter behandelt werden als Jungen. Das bedeutet nicht, dass wir die Kinderrechtsverletzungen, die Jungen widerfahren, kleinreden oder gar ignorieren wollen. Das bedeutet auch nicht, dass wir Jungen nicht helfen.
Im Gegenteil: Unsere Erfahrung ist, dass man geschlechtsspezifische Benachteiligungen abbauen und Gleichberechtigung nur fördern kann, wenn man beide Geschlechter in die Arbeit mit einbezieht. In unseren Partnerländern arbeiten wir deshalb auch immer mit Jungen und Männern. Unter folgendem Link erfährst du mehr zu unserem Arbeitsansatz: https://www.plan.de/wie-wir-arbeiten/gleichberechtigung-foerdern.html
Viele Grüße,

Welchen Sinn aber hat es eigentlich, so fragte ich mich beim Lesen der Antwort wieder einmal, abzuwägen, ob nun Jungen oder Mädchen mehr leiden? Dass „Mädchen vor allem in Entwicklungsländern noch immer als Menschen zweiter Klasse gelten und dass sie deshalb im Verhältnis oft noch schlechter behandelt werden als Jungen“, kann eigentlich nur jemand behaupten, der die Situation von Kindern selektiv wahrnimmt.

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Es ist durchaus möglich, dass Hilfsorganisationen um Spenden für KINDER bitten, nicht allein für Mädchen. Warum macht Plan International das nicht ebenso?

Denn dass etwa Jungen sehr viel häufiger als Mädchen als Kindersoldaten missbraucht werden und dass sie deutlich häufiger in der Kinderarbeit ausgebeutet werden als Mädchen, spielt für PLAN International hier keine Rolle. Laut der hier verlinkten Bundeszentrale für politische Bildung ist gar der

„Rückgang der Kinderarbeit in den Jahren 2004 bis 2008 (…) ausschließlich darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Mädchen unter den 5- bis 17-jährigen Kinderarbeitern von 102,7 auf 87,5 Mio. sank.“ 

Wenn überhaupt jemand zwischen der Hilfe für männliche und der Hilfe für weibliche Kinder unterscheiden wollte, gäbe es also offenbar Gründe, die Hilfe auch einmal auf Jungen zu konzentrieren.

In meinen Augen ist es allerdings deplatziert, die Verantwortung Erwachsener für Kinder anhand der Geschlechtszugehörigkeiten aufzuteilen und unterschiedlich zu bemessen. Erwachsene, Männer ebenso wie Frauen, haben Kindern gegenüber Verantwortung, gegenüber Jungen ebenso wie gegenüber Mädchen. Das reicht. Warum also PLAN seine Hilfe so beflissen und grundsätzlich zwischen den Geschlechtern aufteilt, wird auch nach dem Statement nicht deutlich.

Immerhin erkennt die Organisation an, was ohnehin nicht zu leugnen ist – dass auch Jungen „ausgebeutet oder misshandelt“ werden. Die Feststellung, dass PLAN „auch immer mit Jungen und Männern“ arbeitet, steht hier allerdings nicht im Zusammenhang mit einer Hilfe für Kinder in Not, sondern mit dem Abbau „geschlechtsspezifischer(r) Benachteiligungen“.

So wirft die Antwort also mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Ich bin daher vor meiner Rückantwort an PLAN International einmal dem Link gefolgt, mit dem die Antwort endet, und habe mir dort einige Materialien durchgelesen – unter anderem ein fast dreihundert Seiten starkes Trainingshandbuch für die Arbeit von PLAN International mit Jungen.

 

„Und was ist mit den Jungs?” Ja, was eigentlich?

„Starke Jungen für Gleichberechtigung“ ist jedoch zunächst einmal der Titel des kürzeren Abschlussberichts eines Projekts, das PLAN in El Salvador, Guatemala und Honduras durchgeführt hat.  Dort wurden Jungen

„ermutigt, ihre alltäglichen Verhaltensweisen zu hinterfragen und ihre Einstellung zu Frauen, zu Sexualität sowie den Zusammenhang zwischen Gewalt und Männlichkeit kritisch zu reflektieren.“

Nach den Workshops hätten die Jungen „als Botschafter für ein anderes Männerbild und die Gleichberechtigung der Geschlechter“ weiter wirken wollen.

In einem anderen Bericht stellt PLAN allerdings fest:

„Forderungen nach mehr Gleichberechtigung für Mädchen und Frauen wecken jedoch auch Ängste. Einige der Männer, die für die diesjährige Langzeitstudie interviewt wurden, waren besorgt, dass ihre Söhne durch die Stärkung der Rechte der Frauen ins Hintertreffen geraten könnten“.

Diese Ängste hätten allerdings abgebaut werden können – ein Vater wird mit dem Satz zitiert:

„Es ist großartig, wenn eine Nation den wahren Wert einer Frau versteht. Die Entwicklung des Landes wird dadurch unterstützt.“ (Seite 3-4)

Der Bericht trägt den Titel „Because I am a Girl. Die Situation der Mädchen in der Welt 2011. Und was ist mit den Jungs?“ Das Engagement für Jungen ist also Teil eines Engagements für Mädchen – und die Arbeit mit Jungen erscheint deshalb als notwendig, weil eine „Stärkung der Rechte der Frauen“ nur möglich ist, wenn sich auch Jungen und Männer dafür engagieren. So also ist es zu verstehen, wenn PLAN schreibt,

„dass man geschlechtsspezifische Benachteiligungen abbauen und Gleichberechtigung nur fördern kann, wenn man beide Geschlechter in die Arbeit mit einbezieht.“

Nun ist es selbstverständlich völlig legitim, wenn eine Hilfsorganisation Frauenrechte verletzt sieht und sie fördern möchte. Nur geht es dabei eben nicht um Hilfe für Jungen – die Arbeit mit Jungen ist hier wichtig als Mittel zum Zweck, um die Situation von Frauen und Mädchen zu verbessern. Zwar gibt ein Mann in dem eben zitierten Bericht an, dass sich durch die Arbeit Beziehungen verbessert hätten und Männer und Frauen sich nun besser verstünden (S. 4) – aber das ist nicht nur eine nicht weiter belegte Einzelmeinung, sondern offenkundig auch eher ein Nebeneffekt der Arbeit.

Die Texte, die PLAN verlinkt, machen deutlich: Dass Jungen ausgelassen werden, wenn die Organisation mit großem Werbeaufwand Gewalt gegen Mädchen verurteilt, ist nicht einfach unglücklich formuliert, es ist auch kein Resultat einer unbedachten oder zynischen Spekulation darauf, dass Mädchen werbetechnisch möglicherweise anziehender sind als Jungen – es ist Programm.

 

Die „hegemoniale Männlichkeit” von Jungen in der Kinderarbeit

Das Handbuch „Manual for facilitators ‘Changing the World’” operiert wesentlich mit einer simplen Gegenüberstellung: Hegemoniale Männlichkeit vs. Geschlechtergerechtigkeit (hegemonic masculinity vs. gender equality) (Modul Being Young, S. 13 – insgesamt S. 95) [Anmerkung: Da das Handbuch in verschiedene Module eingeteilt ist und mit jedem Modul die Seitenzählung neu beginnt, gebe ich im Folgenden immer zwei Seitenzahlen an: Die des Moduls und die des Gesamttextes. Es tut mit leid, wenn das den Lesefluss stört – es erleichtert aber die Überprüfung der Zitate.]

Die „Gesellschaft, in der wir leben“ (the society we live in) wird – als ob es eine übergreifende Weltgesellschaft wäre – als patriarchal dargestellt (Being Young S, 8, insg. S. 90). Sie sei geprägt von Glaubenssystemen, die von den Mächtigen geschaffen worden seien – negativen Stereotypen, die Männer- und Frauenrollen einschränken würden (belief systems that were created by those who have the power – negative stereotypes that limit men and women’s roles, Being Young S. 10, insg. S. 92).

Wenn also PLAN in seinem Bericht „Und was ist mit den Jungs?“ an einer Stelle immerhin kurz zugesteht, dass auf „Männern ein großer Druck, Arbeit zu finden und ihre Familie zu ernähren“, laste (S. 8) – dann erklärt das die Organisation nicht mit pragmatischen Zwängen, mit der Armut von Familien und dem Zwang ihrer Versorgung unter sehr widrigen Bedingungen. Sie erklärt es mit dem Einfluss von Geschlechterstereotypen, deren Zweck in der Sicherung von Herrschaft bestünde.

Männer und Jungen wiederum sind aus dieser Perspektive nicht Opfer politischer oder ökonomischer Strukturen – sondern sie sind Beteiligte an einer Herrschaft, die in ihrer Konsequenz nur eben in manchen Aspekten auch für die Herrscher selbst negative Konsequenzen habe.

„Safe Spaces“ (Handbuch, S. 13), die in der Arbeit mit Jungen geschaffen werden, haben daher auch nicht den Sinn, ökonomischen Druck von ihnen zu nehmen und ihren Alltag zu entlasten – sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, sich von Männlichkeitsvorstellungen zu distanzieren, die sie als selbstverständlich empfinden.

Insgesamt verfehlt das die Situation von Jungen in der Kinderarbeit ebenso wie etwa die Situation der durchgehend männlichen Wanderarbeiter auf den WM-Baustellen, die in Katar unter mörderischen Bedingungen die Stadien fertig stellen, um ihre Familien in den Heimatländern ernähren zu können. (Genderama, Punkt 5). Es erklärt aber die fehlende Empathie der Organisation für Jungen, die von PLAN offenbar gar nicht bemerkt wird.

Laut Handbuch müssen die Jungen vor allem lernen, ihre eigene Männlichkeit zu überdenken. Wer einen Workshop besuche,

„erkennt die Privilegien, die durch das Modell der hegemonialen Männlichkeit garantiert werden, und weist sie zurück, einschließlich der Kontrolle und der Herrschaft über Frauen und Mädchen“ (Siehe unten, Zitat 1)

Er

„erkennt die Hauptchrakteristiken des Modells hegemonialer Männlichkeit: Zum Beispiel männliche Privilegien, Diskriminierung und Unterordnung von Frauen und Mädchen, gender-basierte Gewalt, Homophobie etc. Er wertschätzt die gemeinsame Verantwortung von Männern und Frauen in häuslichen Tätigkeiten, in der Fürsorge für Kinder und dem Spiel mit ihnen. (…) Hegemoniale Männlichkeit bedeutet Kosten und Privilegien für Männer und Jungen und bedeutet erhebliche Kosten für Frauen und Mädchen.“ (Zitat 2)

Dies ist die Grundlage der gesamten Arbeit. Wenn das Handbuch über 293 Seiten lang Übungen für die Arbeit mit Jungen vorstellt, dann geht es in diesen Übungen niemals einfach um die Jungen, sondern immer darum, sie zu „Champions of Change“ zu erziehen, zu Verkündern und Vertretern einer neuen Geschlechterordnung.

„Das Projekt ‚Champions of Change’ ist Teil von Plans globalem Innovationsprogramm ‘Because I am a Girl’“ (The project Champions of Change is part of Plan’s Because I am Girl Global Girls Innovation Programme, Handbuch S. 29):

So wie das Programm für die Jungenarbeit vor allem unterstützender Teil eines globalen Programms für die Mädchenarbeit ist, sollen auch die Jungen sich vor allem als Unterstützer von Frauen und Mädchen verstehen.

Legitimiert wird dies durch deutlich abwertende Männlichkeitsbilder – die Jungen sollten verstehen, dass sie vom „Meins“ zum „Unseren“ gelangen müssten (Modul Showing Solidarity S. 19, insg. S. 46), sollten Arroganz und Aggression nicht mit Selbstachtung verwechseln (Showing Solidarity S. 7, insg. 34), und sie sollten fragen: „What is needed to empower women and girls?” (Showing Solidarity 23, insg. 50)

Da Männlichkeit also tendenziell als herrschaftsorientiert, aggressiv und egoistisch erscheint, würden die Jungen gerade in der Orientierung an der Unterstützung von Frauen und Mädchen lernen können, sie selbst zu sein („be ourselves“, Showing Solidarity 11, insg. 38)

Gewalt erscheint in diesem Kontext grundsätzlich als geschlechtsbestimmt, als Instrument der Kontrolle von Frauen durch Männer (Being Young 7, insg. 89). Männer würden dann Opfer von Gewalt, wenn sie vom hegemonialen Modell abweichen. In der „Triade männlicher Gewalt“ nämlich würden Männer Gewalt gegen Frauen, gegen sich selbst und gegen andere Männer richteten. (Modul Being Non-Violent S. 9, insg. S. 210): ein alltäglicher männlicher Chauvinismus (Being Non-Violent S. 7, insg. 208)

Selbst in dem Beispiel eines Gewaltaktes einer Frau gegen einen Jungen wirkt sich das noch aus – eine 40jährige drängt einen 15jährigen zum Sex mit dem Hinweis, er solle ein „richtiger Mann“ (real man) sein und mit ihr schlafen. (Being Non-Violent S. 24, insg. S. 225). Die Frau kann hier auf den Jungen eben nur deshalb Druck ausüben, weil auf ihm schon der Druck eines hegemonialen Männlichkeitsmodelles lastet.

„Sexistische Gesellschaften klassifizieren Frauen in zwei Typen: die guten (Mädchen die sich ‘gut benehmen’, die keine eigenen sexuellen Bedürfnisse haben) und die bösen (Mädchen, die sexuelles Interesse zeigen)“ (Sexist societies classify women into two types: good [girls who ‘behave well’, who don’t feel sexual desire] and bad [girls who show sexual interest], Modul Being Responsible regarding Sexuality, S. 22, insg. S 172)

So fragwürdig diese Feststellung auch ist – sie hätte den Verfassern des Handbuchs zumindest den Gedanken nahelegen können, dass auch ihr eigenes Modell sexistisch ist. Sie unterscheiden nämlich deutlich zwischen schlechten, traditionellen Männern und Jungen, die noch nicht gelernt haben, ihre Männlichkeit zu reflektieren – und guten, die zu einer solchen Reflexion fähig sind und die zu Agenten der Geschlechtergerechtigkeit werden. (”My life committed to gender-equality”, Modul Being an Agent of Change, S. 17, insg. S. 273)

 

Every child matters – Noch ein Brief

Hilft es aber Jungen, die als Kindersoldaten ausgebeutet und ausgeschlachtet werden, tatsächlich, wenn sie lernen, ihre Geschlechterrollen zu reflektieren und zu verstehen, dass alles, was sie tun, im Dienste der Kontrolle von Frauen durch Männer steht? Hilft es den Wanderarbeitern, die sich in Katar im Wortsinne totschuften und von dort aus Geld an ihre Familien in Bangladesh, Indien oder Nepal schicken, wenn sie darüber reflektieren können, dass sie sich eigentlich mit ihrer Frau die Hausarbeit teilen sollten und dass sie häufiger mit ihren Kindern spielen müssten? Hilft es den Jungen, die in der Kinderarbeit ausgebeutet werden, wenn sie lernen, es sei ein Instrument der Dominanz von Männern über Frauen, keine Gefühle zuzulassen?

Der Plan von PLAN International legt die Folie westlicher Gender-Diskussionen über die brutalen sozialen und ökonomischen Bedingungen anderer Länder – und erweckt so den Eindruck, der Schlüssel für die Lösung dieser Probleme läge in der Reflexion hegemonialer Männlichkeit. Dass Jungen dabei Empathie vorenthalten wird, dass Gewalt gegen Jungen gleichsam demonstrativ nicht verurteilt wird, hat einen einfachen Grund: Ganz gleich, was immer ihnen auch getan wird, Jungen sind hier eigentlich niemals ganz Opfer, sondern als männliche Kinder immer auch Träger und Profiteure eines Gewaltsystems.

Was immer ihnen getan wird, sie sind immer irgendwie auch selber schuld. Die größte Hilfe für sie ist es, ihnen zu helfen, das auch einzusehen.

Diese programmatische Ausrichtung, die sich natürlich an Begrifflichkeiten und Konzepten Connells orientiert, wird in den Werbekampagne von PLAN nicht deutlich. Die irritierende Fixierung auf Mädchen und die Ignoranz gegenüber der Gewalt, die Jungen erleben, ist aber erst vor diesem Hintergrund zu erklären.

So habe ich mich also daran gemacht, PLAN noch einmal zu antworten. Ich glaube natürlich nicht, dass an der jetzigen Kampagne noch etwa zu ändern ist – und ich glaube auch nicht, dass PLAN an seinem Konzept grundsätzlich etwas ändern wird. Vielleicht aber könnte zumindest erreicht werden, dass die nächste Werbeaktion nicht, wie die jetzige, von Hunderten Plakatwänden immer dieselbe deprimierende Botschaft vermittelt: Dass der Wert eines Kindes sich an seiner Geschlechtszugehörigkeit bemesse. Die Antwort habe ich bei Facebook gepostet.

 

Liebes PLAN-Team,

danke für die Antwort! Noch immer allerdings ist nicht klar, warum Ihr eigentlich Gewalt gegen Mädchen klar verurteilt, Gewalt gegen Jungen aber nicht. Um nicht missverstanden zu werden: Ich finde es völlig verständlich, wenn in bestimmten Maßnahmen Hilfe auf Mädchen und Frauen konzentriert wird, weil es Kontexte gibt, in denen das nötig ist. Es steht mir auch gar nicht zu, das zu kritisieren.

Der Eindruck, den Ihr erweckt, ist aber ein anderer: Nämlich dass generell Mädchen in deutlich stärkerem Maße als Jungen die Opfer von Gewalt seien, und dass sie generell deshalb eine Unterstützung bräuchten, die bei Jungen nicht notwendig sei. Das stimmt einfach nicht. Die Ausbeutung und Ausschlachtung von Kindern als Kindersoldaten trifft Jungen extrem viel häufiger als Mädchen, und auch von Kinderarbeit sind sie deutlich stärker betroffen. Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt sogar:

„Der Rückgang der Kinderarbeit in den Jahren 2004 bis 2008 ist ausschließlich darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Mädchen unter den 5- bis 17-jährigen Kinderarbeitern von 102,7 auf 87,5 Mio. sank.“ http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/globalisierung/52687/kinderarbeit

Ich habe aber, weil ich an Eurer Arbeit interessiert bin, die Texte durchgelesen, die Ihr in Eurem Link angegeben habt – unter anderem ein fast 300 Seiten dickes Handbuch für die Arbeit mit Jungen. Damit wird vieles klarer. Arbeit mit Jungen bedeutet bei Euch vor allem, dass Jungen Geschlechterrollen überdenken, dass sie einsehen, als männliche Menschen gegenüber Frauen und Mädchen dominant und privilegiert zu sein. Ich möchte hier Eure Kommentarspalte nicht völlig zuschütten, daher hab ich meine Kommentare im Einzelnen in einem Artikel im Blog festgehalten.

Jungen sind bei Euch also vor allem Profiteure eines Gewalt- und Herrschaftssystems – und wenn sie zum Opfer werden, dann nur deshalb, weil diese Rolle auch ihnen Härten und Inhumanitäten abverlangt.

Dass Ihr Gewalt gegen Mädchen, aber nicht Gewalt gegen Kinder auf Euren Plakatwänden ablehnt, ist damit dann aber erklärbar: In Euren Augen stehen die Jungen grundsätzlich eher auf der Seite der Täter als auf der der Opfer. Arbeit mit Jungen bedeutet vor allem, sie dazu zu bringen, ihre eigenen – vermeintlichen – Privilegien anzuerkennen.

Ich glaube, dass vielen, die für Eure Organisation spenden, diese Sichtweise auf Kinder nicht klar ist – und dass sie auch bei Euren Spendern nicht mehrheitsfähig wäre. Zumindest meine eigene Kritik kann ich nun  aber klarer äußern.

Ich bin mir sicher, dass Ihr an vielen Orten gute und sinnvolle Arbeit leistet und Menschen helft. Ich glaube aber, dass Eure Veröffentlichungen ein gutes Beispiel dafür sind, wie unpassend es ist, massive soziale Probleme vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Geschlechtszugehörigkeit zu betrachten.

Wichtig ist mir, dass wir als Erwachsene – Frauen wie Männer – gleichermaßen Verantwortung gegenüber Kindern haben, gegenüber Mädchen ebenso wie gegenüber Jungen. Wer diese Verantwortung entlang der Geschlechteruntetschiede unterschiedlich zuteilt, der drückt damit unvermeidbar aus, dass die einen Kinder weniger wert sind als die anderen.

Ich glaube Euch, dass Ihr das nicht ausdrücken wollt. Ich finde es aber auch unverkennbar, dass Ihr es trotzdem tut.

Und ich hoffe, dass bei Eurer nächste Kampagne Kinder im Mittelpunkt stehen, einfach weil sie Kinder sind – ganz unabhängig von Ihrer Geschlechtszugehörigkeit. Every child matters.

Bei anderen Hilfsorganisationen ist das ja auch möglich.

Mit freundlichem Gruß

 

Alle Übersetzungen stammen von mir. Zwei Zitate waren so lang, dass ich sie im englischen Original nicht im Text unterbingen wollte. Hier sind sie:

Zitat 1: Recognises and rejects the privileges granted by the hegemonic masculinity model, including control and power over women and girls. Modul Being Young S. 16, insg. S. 98

Zitat 2: Recognises the main characteristics of the hegemonic masculinity model: e.g. male privilege, discrimination and subordination of women and girls, gender-based violence, homophobia, etc. / Values the shared responsibility between men and women in domestic tasks, and in caring and playing with children. (…) Hegemonic masculinity has costs and privileges for men and boys, and has substantial costs for women and girls Modul Being Young S. 48, insg. S. 130


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