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Der Jürgen Drews des deutschen Feminismus

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Was ist eigentlich dieser Feminismus? Zweiter Teil einer Reihe nach Empfehlungen der Süddeutschen Zeitung: Anne Wizorek

Etwas voreilig habe ich hier das Projekt gestartet, zur Vorstellung der Feministinnen, die Sie kennen sollten in der Süddeutschen Zeitung eine kleine Serie zu starten. Voreilig, weil gerade ein sehr kurzes Schuljahr zu Ende geht, der Beruf sehr hektisch ist und das Bloggen darüber ohnehin zurückstehen muss. Aber immerhin, nach dem Text über Antje Schrupp kommt hier einer über die wohl derzeit bekannteste deutsche Feministin nach Schwarzer.

Der von Anne Wizorek und anderen im Jahr 2013 initiierte, später mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete #Aufschrei ist heute die stilprägende Aktionen des Netzfeminismus. Zugleich hat er gerade bei Twitter viele Männer aktiviert, die der Art und Weise, wie hier über Männer geredet wird, ihre eigene Perspektive entgegensetzen wollten.

Oft sei

„den übergriffigen Männern oft gar nicht klar ist, was sie da tun, oder ihr Verhalten gar selbstverständlich finden, weil sie eben Männer sind“,

schreibt die Bloggerin Meike im Januar 2013 in einem Text für das Blog kleinerdrei. Wizorek beruft sich ausdrücklich auf diesen Text, wenn sie die Wurzeln von #Aufschrei schildert. Tatsächlich ist dessen Grundmotiv in Maikes Text schon enthalten: Das Leben in öffentlichem Raum sei von übergriffigem Männerverhalten geprägt, aber Männern sei dieses Verhalten gar nicht bewusst – weil sie aufgrund ihrer männlichen Privilegien die Folgen dieses übergriffigen Verhaltens nicht wahrnehmen müssten.

aufschrei

Die Pointe des #Aufschrei ist also nicht, dass alle Männer SO seien – aber dass alle Männer so PRIVILEGIERT seien, sich übergriffig verhalten zu können, ohne die Folgen zu beachten. Warum dieser Aufschrei ein so enormer Erfolg war – und warum bis heute zwischen (nicht-feministischen) Männern und (feministischen) Frauen ein Dialog darüber nicht möglich ist: Das sind Fragen, die zu wesentlichen Problemen heutiger Geschlechterdebatten führen.

 

2. Der Jürgen Drews des deutschen Feminismus – Anne Wizoreks Netzfeminismus

Ende Januar 2013. Anne Wizorek antwortet auf einen Tweet, der einige Stunden zuvor von Nicole von Horst veröffentlicht worden war.

Es dauert nur kurze Zeit, bis sich zu diesem Hashtag Hunderte von Tweets angesammelt haben.  Der Tweet Nicole von Horsts wird dabei zum Muster: Es beginnt mit der Benennung einer männlichen Person, gefolgt von einem Relativsatz, der erklärt, was dieser Mann getan habe – abgeschlossen mit dem Haschtag #aufschrei.

Der Typ, mit dem ich Englisch sprechen konnte, und dann war alles, worüber er mit mir reden wollte, wie er mich fingern würde. #aufschrei – Der Lehrer, der andauernd mitten im Unterricht meine Haare und Augen lobte und mir vielsagende Blick zuwarf. #aufschrei – Der Schwimmlehrer, der alle Mädchen im Kurs zur Begrüßung auf den Mund küsste – die jeweils jüngste mit Zunge #aufschrei – der prof, der wissen wollte, ob ich meinen referatspartner date. jede sprechstunde alleine bei ihm wurde zu purer anspannung. #aufschrei – Der Typ, der mit mir im Nachtbus fuhr, wartete, bis dieser um die Ecke war und mich dann an die Wand drängte und fummelte… #aufschrei

Ein Mann ist dann dabei, der schreibt:

Noch in der ersten Stunden reagieren darauf andere:

Und Jasna Strick kommentiert auf eine Weise, die sogleich Parallelen zwischen diesem Mann und den übergriffigen Männern anderer Tweets konstruiert:

Sehr schnell steigen auch Medien ein. Wizorek (@marthadear) sammelt deren Reaktionen: Bald interviewt das Handelsblatt sie und von Horst, die Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, das ZDF, die Berliner Zeitung und die Tagesschau berichten schon am Nachmittag des 25. Januar, und auch Der Spiegel veröffentlicht ein eigenes Interview mit Wizorek.  In ungeheuer kurzer Zeit ist aus dem Vorschlag eines Hashtags ein umfassendes massenmediales Phänomen geworden. Wie war diese Entwicklung so schnell möglich?

Der enorme Erfolg ist vorbereitet durch zwei Texte, in denen Journalistinnen prominent über Belästigungen durch Politiker berichtet hatten: Die Spiegel-Journalistin Annett Meiritz über Verleumdungen gegen sie in der Piratenpartie, in denen ihr unterstellt worden sei, journalistische Tätigkeiten und Bettgeschichten zu vermischen (Untertitel: „Wie ich die Frauenfeindlichkeit der Piratenpartie kennenlernte“) – und die Stern-Journalistin Laura Himmelreich über ein Treffen mit dem FDP-Vorsitznden Rainer Brüderle, der ihr gegenüber sexualisierte Kommentare gemacht habe.

Beide Texte hätten allerdings einfach als Ausdruck eines speziellen Problems verstanden werden können: als Hinweis auf das Selbstverständnis einiger männlicher Politiker, sich als Gegenleistung für den Zugang zu Informationen oder zu exklusiven politischen Zirkeln sexuelle Grenzverletzungen gestatten zu können. Außerdem konnten beiden Journalistinnen auch politische Motive unterstellt werden: Meiritz‘ Artikel, der die gesamte Piratenpartei für das Verhalten einiger haftbar macht und als „frauenfeindlich“ darstellt, erscheint sechs Tage vor der wichtigen Niedersachsenwahl, Himmelreichs Text wird ein Jahr nach den geschilderten Begebenheiten veröffentlicht – und wenige Tage, nachdem die FDP Brüderle zum Spitzenmann im Wahlkampf erklärt hatte.

In der schnellen Berichterstattung über den #Aufschrei wird auf beide Texte immer wieder hingewiesen, zum Nutzen für beide Seiten. Während die Tweets damit in ein schon bekanntes, aktuelles und scharf diskutiertes politischen Thema eingeordnet werden und so den Bereich einer begrenzten Twitter-Gruppe schnell verlassen, geben sie den Berichten zugleich eine Legitimation, die sie weit über das Verhältnis von Politikern und Journalistinnen hinaus bedeutungsvoll machen. Sexismus sei alltäglich, und jede Frau erlebe ihn beständig.

Damit wird der herkömmliche Sexismus-Begriff – als Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit – gleich in doppelter Hinsicht stillschweigend eingeschränkt. „Sexismus“ bezeichnet hier sexualisierte Verhaltensweisen, und grundsätzlich sind Frauen Opfer des Sexismus, Männer Täter oder Profiteure. Sexismus ist es in dieser Definition, wenn ein Mann einer Frau hinterherpfeift – aber nicht, wenn ein Mensch sein Kind nicht mehr sehen kann, weil er der Vater ist und nicht die Mutter.

Dass Männer also vereinzelt unter dem Aufschrei-Hashtag betonen, Sexismus könne auch Männer treffen, erscheint unter diesen Voraussetzungen als ein durchschaubarer Versuch, vom eigentlichen Thema abzulenken.

„Männer beteiligen sich übrigens ebenfalls unter dem Hashtag #Scham“,

schreibt Antje Schrupp dazu maliziös. Die akzeptable Männer-Rolle in diesem Zusammenhang ist klar: die von Zuhörern, der zerknirscht erfahren, was Männer Frauen täglich antun.

Die Wahrnehmung der alltäglichen Wirklichkeit zerfällt damit in zwei große, unverbundene Teile: Was Männern als normal, alltäglich und unproblematisch erscheine, sei für Frauen tatsächlich eine Atmosphäre beständiger Bedrohung, Verletzbarkeit, ein alltägliches Ausgeliefertseins.

„Für ganz viele Frauen ist es extrem schlimm, einfach schon auf die Straße zu gehen“,

ruft Anne Wizorek in einer der vielen Fernseh-Talkshows aus, in die sie geladen wird.

 

Tüpisch Tüpen: Ganz normale Übergriffe ganz normaler Männer

Damit aber ist der Aufschrei mehr als eine Verständigung von Frauen über Erfahrungen, auch mehr als ein Offenlegen von lange Verschwiegenem und Vergessenem. Er bekommt den Charakter einer Offenbarung, in der eine geleugnete Wirklichkeit plötzlich in eine falsche Normalität hineinscheint: als Einbruch der Realität von Frauen in eine von Männern bestimmte Welt.

Pragmatische, nüchterne Überlegungen haben in dieser Dynamik keinen Platz. Wer etwa darauf hinweist, dass viele der unter #Aufschrei aufgelisteten Erfahrungen – unerwünschte körperliche Annäherungen, verbale Grenzverletzungen, Konfrontationen mit Geschlechterklischees, wütende Reaktionen auf sexuelles Desinteresse – auch Erfahrungen von Männern mit Frauen seien, muss mit dem Vorwurf des „Derailings“ rechnen. Eine Metapher übrigens, die mehr verrät, als sie soll: Angemessen könne die Diskussion nur auf zuvor verlegten Schienen verlaufen – und jeder Versuch, ihr eine andere Richtung zu geben, brächte sie zum Entgleisen.

Vor allem eine nüchterne Untersuchung von Zahlen bleibt aus – die medial verbreitete Wahrnehmung, unter dem Hashtag hätten Zehntausende von Frauen ihre Erfahrungen mit alltäglichem Sexismus mitgeteilt, ist falsch, bleibt aber unwidersprochen. Tatsächlich sind die Zahlen deutlich geringer, und vor allem: Nach dem tatsächlich beeindruckenden Start mitten in der Nacht legen bald die meisten Tweets nicht mehr Belästigungs-Erfahrungen offen, sondern kommentierten, ironisieren, bestätigen den Aufschrei in der überwiegenden Mehrheit, oder sie legen Einspruch ein.

Zudem sind die Medien an der Produktion des #Aufschreis, über den sie berichten, selbst erheblich beteiligt. Die große Zahl der Tweets, auf die sich die Berichte berufen, wird ja eben gerade dadurch möglich, dass nach nur wenigen Stunden alle Massenmedien den #Aufschrei prominent zum Thema gemacht hatten.

Der Eindruck, Männer würden dabei grundsätzlich in die Position von Tätern gedrängt, ist keineswegs nur Resultat einer männlichen Abwehr gegen unangenehme Wahrheiten. Das Grundmuster der Aufschrei-Tweets – Der Arzt, der… – stellt nicht die Wahrnehmung einer Frau, sondern einen übergriffigen Mann in den Mittelpunkt. Grammatikalisch ist der Hauptsatz unvollständig und enthält so die stillschweigende Aufforderung, das Fehlende zu ergänzen.

Der Typ, der mich befummelte … steht stellvertretend für alle Typen / …ist jemand, den wir so alle kennen / …gehört zu den Männern, die Frauen den Alltag unerträglich machen.

Diese Struktur schafft eine stillschweigende Gemeinsamkeit: Wir wissen alle, wovon hier die Rede ist.

Der Lehrer/Der Busfahrer/Der Prof/Der Schwimmlehrer/Der Vater einer Freundin/Der Kommilitone und, immer wieder, Der Typ: Wesentlich an den Männern, die als sein Gravitationszentrum den Mittelpunkt des Aufschreis bilden, ist ihre Alltäglichkeit. Der normale Mann ist übergriffig.

Dass Maike Lobo angesichts dieser Struktur ein gleichberechtigtes Gespräch zwischen Männern und Frauen einfordert, spielt aus der Aufschrei-Perspektive männliche Privilegien und männliche Übergriffigkeit herunten: Als Illusion, angesichts der radikal getrennten Welten der Männer und der Frauen gäbe es einen gemeinsamen Rahmen des Gesprächs.

Für Anne Wizorek leugnet diese Illusion Machtstrukturen, die sie nicht genauer erklärt, die aber durchdringend seien: das Patriarchat, Strukturen einer männlichen Herrschaft, die alle Männer privilegiere und alle Frauen diskriminiere. (Dazu zum Beispiel der kurze Abschnitt zur Frage „Was habt ihr denn gegen Männer?“ in Wizoreks Buch „Weil ein Aufschrei nicht reicht“ , das trotz erheblicher Förderung durch Berichte in großen Medien wohl eher von Kritikern als von Anhängerinnen Wizoreks gelesen wurde.)

Gerade eine Auseinandersetzung mit Strukturen aber fehlt: Weder interessiert sie sich für rechtliche Voraussetzungen, schon gar nicht, wenn diese Männer benachteiligen – noch für ökonomische oder politische Strukturen. Als würde der Hinweis, dass Männer Machtpositionen in Institutionen besetzen, die Vorstellung einer Männerherrschaft immer schon völlig ausreichend begründen.

Dass die meisten Männer von solchen Machtpositionen ebenso weit entfernt sind wie die meisten Frauen – dass Hunderte von Institutionen, einschließlich eines ganzen Ministeriums, sich exklusiv um die Angelegenheiten von Frauen kümmern, aber fast keine spezifisch um die von Männern – dass es in Deutschland rechtliche Benachteiligungen von Männern, aber keine von Frauen gibt – das spielt ebenso wenig eine Rolle wie allgemeine ökonomische Analysen, Fragen der demokratischen Partizipation, des Austauschs von Institutionen mit informellen Bereichen der Gesellschaft.

Kurz: In Wizoreks Rede von Strukturen geht es nicht darum, politische, ökonomische oder soziale Strukturen zu analysieren, sondern es geht dabei um eine Strukturierung der Debatte. Die Unterstellung, dass Männer privilegiert wären, legitimiert dabei die Forderung, dass diese Debatte abseits sonstiger demokratisches Selbstverständlichkeiten ungleich geführt werden müsse. Anstatt dass alle Beteiligten Sprecher- und Zuhörerpositionen einnehmen könnten und müssten, sollen hier Männer zuhören, wenn Frauen sprechen. Eben gerade weil sie nämlich privilegiert seien, würden sie die Gewalt des alltäglichen Sexismus nicht erleben – und eben gerade deshalb würden sie auch nicht wissen, wie privilegiert sie seien, und könnten es erst von Frauen erfahren.

 

Frau Wizorek verlegt Kunstrasen

Ein Apotheker in Neukölln weigert sich aus religiösen Gründen, die „Pille danach“ zu verkaufen. Obwohl es etwa siebzig andere Apotheken im selben Stadtteil gibt und daher niemand durch diese Weigerung Nachteile hat, verwüsten ihm Aktivisten – oder eben: Aktivistinnen – sein Geschäft. Wizorek postet auf ihrem Twitter-Account umgehend Fotos davon und verbittet sich im Weiteren, dass ein Mann diese Gewalttat kritisiert.

Als ob die Tat aus männlicher Perspektive überhaupt nicht zu beurteilen wäre, und als ob es Männer gar nichts anginge, wenn politische Gewalt offen legitimiert wird.

Die Vorstellung einer radikalen Spaltung der Wirklichkeit in eine männliche und eine weibliche legt auch in ganz anderer Hinsicht Gewalt nahe. Mehr noch als Männer, die Aufschrei-Logiken kritisieren, sind Frauen ein Problem, die nicht bestätigen, dass hier universelle Erfahrungen von Frauen wiedergegeben würden. Jasna Strick, die wie Wizorek für den Aufschrei mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wird, initiiert einen gewaltigen Shit-Storm gegen eine solche Frau. Ochdomino, als neunzehnjährige Bloggerin, Twitter-Userin und Feminismus-Kritikerin im Netz, wird daraufhin mit massiven Bedrohungen und Beschimpfungen konfrontiert. Erst die fragwürdige Information, ochdomino existiere gar nicht und sei eine Erfindung eines Mannes gewesen, beendet die Kampagne. (Dazu übermorgen mehr in einem kurzen Nachtrag.)

Bei der Comic-Zeichnerin Erzählmirnix, die sich über Feministinnen wie über Maskulisten lustig macht, ist Strick weniger erfolgreich.  Die Schwarze Link-Liste, die sie zusammenstellt, gerät an den vielgelesenen Blogger Fefe, der sie nutzt, um die Comics von Erzählmirnix weiter zu empfehlen – und deren Zugriffszahlen boomen.

Auch Wizorek scheitert mit dem Versuch, ein einmal erprobtes Muster neu aufzulegen. Nach den massiven sexuellen Übergriffen in der Kölner Sylvesternacht lanciert sie mit anderen Feministinnen des Projekt „ausnahmlos“ – das ausnahmslos gegen sexuelle Gewalt gerichtet sei, nicht allein gegen die, die von Migranten verübt werde.

Das unterstellt, der Schrecken über die Angriffe in Köln sei eigentlich fremdenfeindlich begründet – solche Taten von Deutschen würden ignoriert, aber bei Flüchtlingen skandalisiert. Zu halten ist diese Position nur dadurch, dass stillschweigend die Unterschiede in der Gewalt organisierter massenhafter Angriffe auf Frauen am Kölner Dom und, beispielsweise, das übergriffige Verhalten von Oktoberfest-Besuchern gleichgesetzt werden. Die Kölner Gewalt, wie auch immer ihre Ursachen eingeschätzt werden, wird dadurch effektiv verharmlost.

Zudem ist auch diese Argumentation ein Beispiel für das – bei allem Reden über Strukturen – erstaunlich haltbare Desinteresse an strukturellen Überlegungen. Im modernen Feminismus gehört es zur gedanklichen Grundausstattung, davon auszugehen, dass Geschlechter soziale, also auch kulturelle Konstruktionen seien. Für die ausnahmslos-Feministinnen aber spielen weder kulturelle noch soziale Formationen als Bedingungen für Gewalt eine Rolle, entscheidend ist einfach nur die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht – als ob es eine universelle Männlichkeit gäbe, die für die systematischen Übergriffe auf dem Tahrir-Platz in Kairo ebenso verantwortlich wäre wie dafür, dass ein Mann im Geschäft zu dicht an Anne Wizorek vorbei geht.

Noch schneller als der Aufschrei wird diese Aktion massenmedial verbreitet – schon wenige Minuten nach der Präsentation berichtet das ZDF und macht sich damit wiederum zum Teil der Aktion, nicht nur zum Berichterstatter. Auch Politiker sind sofort dabei – wenn sie nicht ohnehin von Beginn an daran Aktion beteiligt waren. Die Kampagne endet wenig später als Strohfeuer – zu erkennbar substanzlos ist der Versuch, das Klischee des beständig vergewaltigungsbereiten arabischen Mannes einfach durch das des ständig vergewaltigungsbereiten Mannes zu ersetzen.

Ausnahmlos scheitert an einem Problem, das schon den Aufschrei prägt: Während der Eindruck erweckt wird, hier würden endlich die Erfahrungen vieler Tausender zusammen geführt, werden diese Erfahrungen tatsächlich nach einer immer schon bekannten und niemals bezweifelten Logik geordnet: Männer seien strukturell privilegiert, und sie würden diese Privilegien im Alltag durch Übergriffe gegen Frauen bestätigen und reproduzieren.

Nur so ist erklärlich, dass ganz unterschiedliche Erfahrungen – von einem Passanten, der zu nah vorbeigeht, bis hin zu einer Gruppe von Männern, die organisiert Frauen sexuell nötigen oder vergewaltigen – als Ausprägungen desselben Phänomens verstanden werden: als Ausdruck einer überall wirksamen männlichen Herrschaftsposition. Eben das erklärt auch das Desinteresse an den Erfahrungen von Männern, die denen von Frauen ähneln.

Was als Graswurzelbewegung verkauft wird, funktioniert so tatsächlich nach einer Top-Down-Logik, die kaum zu erschüttern ist. Die einzelnen Berichte von Erfahrungen dienen keineswegs der empirischen Überprüfung von Vorannahmen, sondern ihrer immer neuen Illustration. Als Astroturfing wird solch ein Phänomen in der englischsprachigen Politik bezeichnet, also als „Verlegen von Kunstrasen“: Die Konstruktion einer Graswurzelbewegung, die tatsächlich ohne institutionelle Unterstützung nicht existieren könnte.

Die Top-Down-Logik spiegelt die soziale Situation, die den Aufschrei rahmt. Die Annahme einer männlichen Herrschaft hat sich längst institutionalisiert, von Familien/Frauen-Ministerium bis bin zu unzähligen, meist staatlich finanzierten Organisationen und öffentlichen Posten. Feministische Annahmen sind längst erfolgreich durch die Institutionen marschiert – sie sind aber heute eher durch ihre Verankerung dort gestützt als dadurch, dass sie viele Menschen überzeugen würden.

Der Institutionen-Feminismus ist damit heillos in Widersprüche verstrickt, die er selbst nicht lösen kann, ohne seine institutionelle Verankerung aufzugeben. Schon die Tatsache, dass für die spezifischen Belange von Jungen und Männern nicht einmal ein Bruchteil der Organisationen verantwortlich ist wie für die von Frauen und Mädchen, lässt sich mit der Idee einer männlichen Herrschaft nicht vereinbaren – eben gerade diese Idee aber ist notwendig, um diese Masse an Organisationen überhaupt legitimieren zu können.

Der Aufschrei versorgte den Institutionen-Feminismus daher mit einer dringend benötigten Legitimation: Was sich tatsächlich nur noch über die Verankerung in Institutionen hält, erscheint hier als ein originäre Graswurzelbewegung. Dass Wizorek und andere die Rede von Strukturen zwar beständig im Munde führen, tatsächlich an der Analyse politischer, sozialer oder ökonomischer Strukturen weitgehend desinteressiert sind, ist hier ein erheblicher Vorteil: Sie interferieren nicht mit  den Selbstbeschreibungen der Institutionen, von denen sie gestützt werden, können ihnen also nicht in die Quere geraten.

Deutlich stärker als der institutionengestützte Netzfeminismus ist die Männerbewegung im Netz tatsächlich eine Graswurzelbewegung – und in Medien und Parteien wird eben diese Bewegung entweder ignoriert oder diffamiert. Aus der Perspektive etablierter Institutionen sind eben nur solche Graswurzelbewegungen akzeptabel, an deren Produktion sie selbst wesentlich beteiligt waren.

Die Aufschrei-typische Zuteilung in die, die sprechen dürfen und die, die zuhören sollen, wird so erst im Rahmen der institutionellen Rahmung sinnvoll: In ihr spiegelt sich gerade die Gatekeeper-Funktion von Medien und staatlichen oder parteigebundenen Einrichtungen, mit der gesteuert wird, welche Positionen Teil eines öffentlichen Diskurses sind und welche nicht. Entsprechend fordert Wizorek eine schärfere Kontrolle von Kommentaren im Netz, durchaus systematisch die Grenze zwischen Bedrohungen und Hasskommentaren auf der einen und Meinungsäußerungen auf der anderen Seite verwischend.

Tatsächlich war also die Feststellung oben im Text voreilig, im Aufschrei würde die Wirklichkeit in eine weibliche und eine männliche gespalten: Eher spaltet er sie in Menschen, die von der Idee einer männlichen Herrschaft überzeugt sind, und die, die es nicht sind. Der Aufschrei strukturiert sich an den Legitimationsnöten von Institutionen, nicht an den Erfahrungen von Männern und Frauen.

Anstatt mit einer religiösen Metaphorik als Offenbarung einer verleugneten und unsichtbar gemachten Wirklichkeit könnte der Aufschrei so auch viel profaner in den Kategorien des deutschen Schlagers beschreiben werden. In beiden Bereichen sind die Emotionen, die angesprochen werden, den Beteiligten bitter ernst und wichtig – zugleich aber werden ihre Erfahrungen jeweils einem immer schon bestehenden, vertrauten, einfachen, unbezweiflten Muster eingeordnet, das sie niemals irritieren.

Anne Wizorek wäre in dieser Bildlichkeit der Jürgen Drews des deutschen Feminismus, der ein einziges Mal in einer günstigen Situation einen Hit hatte – erfolglos versucht, dessen Muster zu kopieren – und gleichwohl über Jahre hinweg davon leben kann.

So hätte denn der Aufschrei eine sehr wichtige, unbedingt unterstützenswerte Bewegung sein können, wenn er das gewesen wäre, als das er sich ausgegeben hat: Eine offene Verständigung über Erfahrungen, die meist aus der öffentlichen Wahrnehmung ausgeschlossen werden. Da er aber eben gerade das nicht war, da in seiner selbstbezüglichen Top-Down-Logik Erfahrungen lediglich als bestätigende Illustrationen immer schon festgezurrter Vorannahmen gebraucht wurden – da er sich als Legitimation institutionell ausgeübter Herrschaft anbot – daher verhinderte er eher eine Verständigung über Erfahrungen, als dass er sie gefördert hätte.


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