Vor ein paar Tagen hat sich die taz über die Polizeiliche Kriminalstatistik 2016 ausgelassen. Dabei hat sie Ungeheuerliches entdeckt: Anstatt bloß die Nationalität der Täter/innen zu thematisieren, sollte vielmehr desgleichen das Geschlecht in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken.
Polizeiliche Kriminalstatistik 2016: Männer überdurchschnittlich oft Täter
Die taz beklagt sich im Zusammenhang der Polizeilichen Kriminalstatistik 2016 vornehmlich über den Umstand, dass ihrer Ansicht nach zwar zurecht über die steigende Zahl der begangenen Straftaten der „Zuwanderer“ in der Öffentlichkeit diskutiert wird, seltsam sei jedoch, dass der Faktor, der die meisten Straftaten eint, nämlich das Geschlecht, überhaupt nicht thematisiert würde. 74,9% der Tatverdächtigen seien nämlich männlichen Geschlechts und bei Raub sogar 90,4%, dabei würden junge Männer als größte Risikogruppe gelten. Und, da hat die taz offenbar in der letzten Zeit dazu gelernt, sind desgleichen die Männer bei schweren Straftaten (Raub, Mord, Körperverletzung, Totschlag) überdurchschnittlich häufig als Opfer betroffen (bei Körperverletzung zu 63,5% und bei Raub zu 67,9%). Im öffentlichen Raum seien infolgedessen längst nicht bloß Frauen die Opfer, die Angst haben müssen, sondern namentlich die Männer. Das finde ich indessen bereits einmal eine sehr gute Nachricht! Die taz spricht keineswegs bloß von männlichen Tätern und weiblichen Opfern, sondern bringt zumindest schon einmal die männlichen Opfer ans Licht, was vermutlich ein Novum ist. Was jetzt noch ein bisschen fehlt, sind die weiblichen Täterinnen. Man könnte z.B. erwähnen, dass bei Diebstahl und Betrug der Anteil des weiblichen Geschlechts viel höher ist als bei anderen Straftaten.
Spannend findet die taz nun folgenden Umstand:
Trotz dieser Zahlen, die eine Diskussion über das Geschlecht der Täter eigentlich unausweichlich machen, wird darüber nur vereinzelt gesprochen. Kein „Männer raus!“ ist zu hören, keine Erklärungen, dass Männer trotzdem nicht unter Generalverdacht gestellt werden dürften, wie es aktuell bei der Frage um die Gewalt durch „Zuwanderer“ der Fall ist. Es wird einfach hingenommen. Es scheint nicht zu überraschen, dass Männer kriminell und gewaltbereit sind.
Ob die Männerkriminalität tatsächlich in der Öffentlichkeit bloß vereinzelt thematisiert wird, wie dies die taz behauptet, wäre eine empirische Frage und müsste mit entsprechenden Untersuchungen verifiziert werden. Aber man könnte sich sogleich fragen: werden andere Faktoren breit in der Öffentlichkeit diskutiert, die prädisponierend für häufigere Kriminalität sind? Beispielsweise Schicht/Klasse/Milieu oder Alter, Wohnort, ungünstige Familienkonstellationen, Armut, Arbeitslosigkeit, alltägliche oder schulische Überforderung etc? Vermutlich ebenfalls nicht! Es heißt ja ebenfalls nirgends: „Unterschicht raus aus Deutschland!“ oder „Jugendliche raus!“ etc. Die taz-Redakteurin MAIKE BRÜLLS stellt demzufolge eine falsche Dichotomie auf. Nicht die Thematisierung bzw. die Nicht-Thematisierung der Kategorien Geschlecht vs. Nationalität („Zuwanderer“) sollten folglich hellhörig machen, sondern die Thematisierung bzw. Nicht-Thematisierung von Geschlecht, Alter, Wohnort, Schicht etc. vs. Nationalität („Zuwanderer“). Spannend finde ich nun wieder, dass die taz-Redakteurin eine verkürzte Dichotomie aufstellt und sie bloß das Geschlecht als weitere Kategorie ins Spiel bringt. Und hier kann man sich dann die Frage stellen, ob es MAIKE BRÜLLS von der taz tatsächlich um die Sache geht (Prävention hinsichtlich Kriminalität) oder ob das Einbringen des Faktors Geschlecht nicht primär ideologisch motiviert ist, um, wie wir nachfolgend noch sehen werden, die Stilisierung des Feinbilds Mann mittels erhöhter Kriminalitätsbelastung zu instrumentalisieren?!
Männerfeindlichkeit
Denselben Gedanken hatte offenbar ebenso Arne Hoffmann, wenn er schreibt:
Bei der „taz“ macht man sich Sorgen, dass die Zahlen der aktuellen Kriminalstatistik auf fremdenfeindliche Gleise führen könnten. Männerfeindliche Gleise lägen doch viel näher, schließlich seien die meisten Tatverdächtigen männlich. Aber eine Männerfeindlichkeit gebe es nicht, seufzt Maike Brülls, die die letzten 200 Jahre männerfeindlicher Agitation offenbar nicht mitbekommen hat, auch wenn sie problemlos einsteigt: „Es scheint nicht zu überraschen, dass Männer kriminell und gewaltbereit sind.“
Die Rhetorik der Fremdenfeinde nicht zu kontern, sondern nur für das eigene liebste Feindbild zu verwenden – sowas schafft wohl nur die „taz“.
Die erhöhte Kriminalitätsbelastung der Männer hat nun gemäß Maike Brülls offenbar mit dem Wort „P“ zu tun, damit meint sie vermutlich das Patriarchat, sie schreibt nämlich:
Eine biologische Erklärung, ob es vielleicht an den Hormonen oder Gehirnarealen liegt, sollen nicht bemüht werden. Allein das Geschlecht macht niemanden zum Straftäter. Genauso wenig, wie es die Herkunft oder die Hautfarbe tun.
Dass die hohe Zahl männlicher Straftäter nicht verwundert oder diskutiert wird, verweist auf ein System. Und das zu beleuchten und zu besprechen wäre aufschlussreich.
Die Zahlen können als ein Rückschluss auf das Wort mit P verstanden werden, welches erklärt, dass und wie Männer das soziale System maßgeblich prägen.
In einer solchen Ordnung, in der ein Männlichkeitsbild des dominanten Mannes, der keine Schwäche zeigen darf, eben auch gewalttätig ist, reproduziert wird, passt es, dass Männer so oft zu Straftätern werden. Und auch, warum sich darüber niemand wundert.
Ursachen für die erhöhte Kriminalitätsbelastung der Männer
Weshalb nun eine biologische Erklärung als eine mögliche Ursache für die erhöhte Kriminalitätsbelastung der Männer nicht bemüht werden soll, ist nicht nachvollziehbar. Lapidar wird von der taz-Redakteurin gesagt, dass das Geschlecht allein niemanden zum Straftäter machen würde. Diese Aussage ist sicherlich richtig, allein die unabhängige Variable Geschlecht ist keine hinreichende Bedingung, damit jemand zum Straftäter wird. Wie auch das Alter, der Wohnort, die soziale Schicht, die Nationalität etc. keine hinreichenden Bedingungen sind. Aber wenn diese Faktoren keine hinreichenden Bedingungen sind, heißt dies noch lange nicht, dass sie nicht trotzdem einen gewissen Einfluss auf die erhöhte Kriminalitätsbelastung haben können. Wie bereits weiter oben dargelegt, werden auch andere Faktoren als das Geschlecht weniger thematisiert als der Faktor „Zuwanderer“. Soll nun dieser Umstand der Nicht-Thematisierung dieser Faktoren ebenfalls mit dem Patriarchat erklärt werden? Viel naheliegender ist doch, dass erklärt werden muss, weshalb die Kriminalitätsbelastung der „Zuwanderer“ in der Öffentlichkeit bereit diskutiert wird und die anderen Faktoren wie Geschlecht, Alter, Wohnort und soziale Schicht etc. nicht. Verantwortlich für die erhöhte Kriminalitätsbelastung der Männer soll nach der taz-Redakteurin einzig und allein das Patriarchat sein, das eine Ordnung ist, die ein Männlichkeitsbild des dominanten Mannes erzeugt, der keine Schwächen zeigen darf. Das ist eine monokausale und m.E. ein reduktionistischer Erklärungsversuch. In der wissenschaftlichen Literatur werden mindestens folgende geschlechtsspezifische Faktoren für die erhöhte Kriminalitätsbelastung von Männern diskutiert:
- Angeborener Aggressionstrieb bei Männern stärker ausgeprägt
- Testosteron-Hypothese
- Phylogenetische Ansätze: Frauen Höhle; Männer Mammut jagen usw.
- Lebensfeldunterschiede: Frauen-Familie. MännerAußenwelt
- Moralische Andersartigkeit von Frauen (Ethik der Liebe und Fürsorge, andere Werteorientierung)
- Geschlechtsspezifische Selektion: Straftaten von Männern werden häufiger entdeckt, angezeigt und verfolgt, verurteilt.
- Gelegenheitshypothese: Frauen haben weniger Gelegenheit für kriminelle Handlungen
- Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen: im männlichen Rollenstereotyp ist Gewalt/Kämpfen mit allen Mitteln gefordert (Haug 2010)
- Werteorientierung: Moderne idealistische Werte (sozialintegrativ, altruistisch, ökologisch-alternativ, politische Toleranz).Wert bei Frauen signifikant stärker ausgeprägt als bei Männern. Je höher die idealistische Werteorientierung, um so stärker die Normakzeptanz, desto geringer die Gewaltkriminalität (Hermann 2004).
- Lernen am ähnlichen Modell als Mechanismus für Erwerb und Ausdruck aggressiven Verhaltens
- Notwendigkeit von „Umwegidentifikation“ bei Jungen durch gewalttätige Männerstereotypen in den Medien, Peergroup usw.
- Geschlechtsidentität: Abkehr von den weiblichen Emotionen bei der Geschlechtsrollenentwicklung, damit weniger Empathiefähigkeit und Aggressionshemmung
- Täterintrojekt: Gewalterfahrung in der Familie durch den Vater macht den Sohn evtl. zum Täter
Die Kriminologin Gabriele Schmölzer kommt hinsichtlich der Kriminalitätsbelastung von Männern und Frauen zu folgendem Schluss:
Die Frage nach Unterschieden zwischen der Kriminalität von Männern und Frauen ist, wägt man die Erklärungsversuche sorgfältig ab, bislang noch weitgehend ungeklärt.
In diesem Zusammenhang schreibt Arne Hoffmann wieder:
Bei „Wort mit P“ kann in einer feministischen Gazette nur „Patriarchat“ gemeint sein. Die Logik Maike Brülls wäre dann: „Dass ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Tatverdächtigen männlich ist, belegt, dass wir unter einer Männerherrschaft leben.“ Diese Logik macht aber nur Sinn, wenn man gleichzeitig behauptet: „Dass ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Tatverdächtigen ausländischer Herkunft ist, belegt, dass wir unter einer Ausländerherrschaft leben.“
Nee? Macht keinen Sinn? Kriminologen behaupten sogar, es würden auch deshalb viele Zuwanderer zu Kriminellen, weil sie besonders häufig geschädigt wurden oder weil sie besonders schlechte Chancen in unserer Gesellschaft haben? Was über Männer im Analogischluss genau das Gegenteil von dem belegen würde, was Maike Brülls herbeifabuliert?
Vergesst die Logik. Es ist Feminismus. Es ist die „taz“. Die, wenn es um Geschlechterfragen geht, genauso gut aufgestellt ist wie Bernd Höcke & Co., sobald von Zuwanderern die Rede ist. Die Mischung aus Ressentiment und Populismus gibt in beiden Fällen keinen gedeihlichen Boden ab.
Fazit
Das Fazit kann ich heute kurz fassen: Nix Genaues weiß man, aber die taz weiß offenbar genau, was Sache ist und zeigt demzufolge auf, dass es ihr primär um Ressentiment und populistische Agitation geht.
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