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Wie Anne Wizorek sexuelle Gewalt verharmlost

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„Ein paar grapschende Ausländer und schon reisst bei uns Firnis der Zivilisation.“

Mit diesem Zitat bewirbt Jakob Augstein auf Twitter seinen Facebook-Beitrag zu den offenbar massenhaften Sexualstraftaten in der Kölner Silvesternacht. Was sonst bei Menschen, die „im Zweifel links“ sind, verpönt ist, ist hier Programm: Augstein verharmlost die Straftaten gezielt als „Grapschen“ und hat dabei eine politische Agenda. Den Schock über die Situation, die von Betroffenen als Alptraum erlebt wurde, macht er lächerlich – das Verhalten der Täter stellt er als nicht weiter schlimm hin. Die Situation reduziert sich bei Augstein schließlich „einfach“ auf „das kolossale Versagen der lokalen Polizei.“

Damit stimmen die Feindbilder wieder: Schuld ist die Polizei, und rassistischen Interpretationen des Geschehens wird vorgebeugt. Dafür ist es dann auch, irgendwie, ganz in Ordnung, die Situation zu verzerren und die Erfahrungen der Opfer kleinzureden.

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So gelingt es, rassistische Klischees zwanglos mit dem Wunsch zu vereinbaren, zu möglichst jeder Gelegenheit möglichst unbekleidete Frauen aufs Titelbild zu bringen. Warum aber fällt es vielen so schwer, sich von solchen Positionen zu distanzieren – ohne dabei die Gewalttaten, um die es geht, zu verharmlosen?

„Im Grunde sagen nach Köln alle nur das, was sie vorher auch schon gesagt haben, nur noch lauter“: Das schreibt Augsteins Mit-Kolumnistin Margarete Stokowski im Spiegel – ohne allerdings wenigstens kurz zu bemerken, dass dieser Satz auch auf sie und den Rest ihres Textes zutrifft. Dass die Taten rassistisch interpretiert werden, steht tatsächlich außer Frage – das neue Focus-Titelbild beispielsweise bedient sich ungeniert in rassistischen Klischeekisten und nutzt die Situation für das Bild einer nackten Frau, deren weißer Körper von Abdrücken schwarzer Männerhände übersät ist.

Sich von rassistischen Deutungen zu distanzieren, hat also gute Gründe. Warum aber ist das nicht möglich, ohne zugleich die Taten herunterszuspielen? Und, mehr noch: Wie kommen eigentlich ausgerechnet Feministinnen dazu, sexuelle Gewalt an Frauen zu verharmlosen? Denn Augsteins gezielten Vergleich dieser Taten mit übergriffigen, aber nicht schwerkriminellen Handlungen stellen auch Feministinnen an, ebenfalls mit einer politischen Agenda – wenn auch mit einer anderen.

Anne Wizorek beispielweise hatte am 7. Januar die Gelegenheit für Zwischenruf im Heute-Journal – und es lohnt sich, diesen Zwischenruf näher zu betrachten.

 

Warum Männer immer noch nicht aufschreien

„Es ist 2016, und wir reden immer noch über sexualisierte Gewalt, und sie ist immer noch normal, und sie ist immer noch da.“

So beginnt sie. Was aber soll es heißen, dass sexuelle Gewalt immer noch „normal“ sei – die schockierten Reaktionen auf die Verbrechen von Köln zeigen ja gerade, dass diese Taten überhaupt nicht als normal wahrgenommen werden? Die Formulierung „immer noch“ erweckt zudem den Eindruck, so etwas wie am Kölner Hauptbahnhof würde in Deutschland beständig passieren – warum dann erst, und gerade jetzt der Schock?

„Was jetzt neu ist, ist, dass den Betroffenen geglaubt wird.“ Das übernimmt Wizorek von der ARD-Redakteurin Anne-Mareike Krause, die so fast wortgleich bei Twitter getweetet hatte. Also tatsächlich: In Wizoreks Augen geschehen Verbrechen wie in Köln beständig, aber es wird nicht über sie geredet, weil den Opfern nicht geglaubt werde. Was aber meint sie damit?

Sie erinnert dann an den #Aufschrei-Hashtag bei Twitter, unter dem Frauen im Jahr 2013 über ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus berichteten.

„Doch damals wurde ihnen größtenteils noch nicht geglaubt.“

Auch das ist überaschend. Wizorek und drei andere junge Frauen waren für den #Aufschrei mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet worden, alle großen Medien berichteten darüber, auch international, Wizorek wurde zu einem Medienstar und wird bis heute rituell eingeladen, sobald im Fernsehen Geschlechterthemen diskutiert werden – wie einst Alice Schwarzer. Sie hat den #Aufschrei auch noch für ein Buch verwenden können, dass in allen größeren Medien wohlwollend besprochen wurde.

Die seit vielen Jahren normale sexuelle Gewalt, von der Wizorek spricht – das ist also die Gewalt, die im #Aufschrei berichtet wurde. Ein guter Grund für einen Blick zurück.

„der typ, der sich ekelhaft nah im kaufhaus an mir vorbeischob. als ich mich umdrehte sah ich, dass er unendlich viel platz hatte.#aufschrei“ – „der typ, der mich auf dem fahrrad mit dem auto abdrängte. ich zeigte im vorbeifahren den stinkefinger, er hielt darauf an… stieg aus, beschimpfte mich, dass er sich von einer schlampe wie mir sowas nicht bieten ließe und wollte mich fast schlagen. #aufschrei“ 

Dazu ein Professor, der sie fragt, ob sie ihren Referatspartner daten würde – oder ein Kommilitone, der einen Arm um sie legt, weil er „Signale“ falsch verstanden habe. Das sind Erfahrungen mit Alltagsseximus, von denen Wizorek erzählt.

Jasna Strick, wie Wizorek bis heute bei Twitter sehr aktiv, aber ohne ihren großen medialen Erfolg, berichtet wie viele andere Frauen von ähnlichen Erfahrungen.

„Der Typ, der mit Blick auf meine Brüste sagte: ‚Ist dir kalt oder freust du dich nur, mich zu sehen?’“ (Das ist, nebenbei, ein berühmtes abgewandeltes Zitat von Mae West, mit dem diese einem Mann begegnete) – „Auf der Tanzfläche plötzlich Hände am Po“ – „Habe Lieblingsdozent gerade wörtlich #mimimi wegen #aufschrei vorgeworfen. Bin desillusioniert.“ 

(Der letzte Satz bedeutet übersetzt: Jasna Strick hatte ihrem Lieblingsdozenten an der Uni vorgeworfen, dass er wehleidig sei, und dass hatte irgendwas mit dem Aufschrei-Hashtag zu tun.)

Kein Zweifel: Das sind Erfahrungen, die sehr unangenehm sein können. Es sind zudem Erfahrungen, von denen viele Männer ebenso berichten könnten. Dass manche Autofahrer richtig wütend reagieren, wenn man ihnen den Stinkefinger zeigt, hab ich zum Beispiel auch schon einmal bemerkt – plötzlich in der Disco Hände am Hintern zu haben, kenne ich auch – auch andere unerbetene Berührungen durch Frauen erleben Männer, ebenfalls durch ganz unbekannte Frauen oder Kolleginnen – und gerade neulich habe ich von einer Bäckereifachverkäuferin ein neues Wort gelernt. Ich hatte mir einen kleinen Bart wachsen lassen, und als ich unschuldig morgens ein paar Brötchen kaufen wollte, unterhielt sich diese freundliche Frau demonstrativ lauthals und neckisch mit ihrer Kollegin über diesen meinen „Schenkelkratzer“.

Das ist alles nicht besonders schön – aber es ist unendlich weit entfernt von dem, was Frauen offenbar am Bahnhof in Köln erlebt haben. Um fair zu sein: Es gibt beim Aufschrei-Hashtag auch solche Erfahrungen, die massiv und bedrückend sind – den größten Teil aber bilden Erlebnisse, die weitaus weniger gravierend sind.

DAS ABER kann ein Mann so natürlich gar nicht beurteilen. Jasna Strick bringt das Kunststück fertig, an einem Morgen innerhalb weniger Stunden zwei völlig widersprüchliche Tweets zu twittern, ohne überhaupt einen Widerspruch zu bemerken.

„Die Typen, denen es wichtig ist zu betonen, dass die Dinge unter #aufschrei auch Männern* passieren.“

Die Typen also, die das machen, was ich eben gemacht habe – die den Hashtag kapern, um doch glatt auch eigene Erfahrungen beizusteuern – die sind gleich ein Grund für einen neuen Aufschrei. Und wenige Stunden später:

„Alle sind frei, #aufschrei zu nutzen. Nur kommt nicht, und relativiert anderleuts Erlebnisse oder zweifelt sie an.“

Es sei denn natürlich, diese anderleuts sind männlich.

 

Warum Männer Vergewaltigungen irgendwie ganz normal fänden

Eine gute Gelegenheit zur Rückkehr zu Wizorek und ihrem Zwischenruf. Schlimm sei „jeder sexualisierte Übergriff, egal gegen welchen Menschen…“. Das hört sich so geschlechtsneutral an wie Stricks „anderleuts“ und ist es ebenso wenig. Denn als Wizorek hier gerade einmal an einem Punkt angelangt ist, an dem ihr jeder vernünftige Mensch aus vollem Herzen zustimmen kann, redet sie unglücklicherweise einfach weiter.

Sexismus sei nicht wie das Wetter, bei dem einfache Ratschläge helfen würden, „als müssten sich Mädchen und Frauen einfach nur `nen Schirm oder `nen Mantel mitnehmen“. Aber damit niemand denkt, Männer kämen hier nicht vor, schiebt sie noch nach, dass wir – statt Frauen Ratschläge über den Umgang mit dem Wetter zu geben – lieber darüber reden sollten,

„was wir immer noch heutzutage für ein Männlichkeitsbild haben, in dem es absolut normal ist, sexuelle Belästigungen durchgehen zu lassen“.

Für Männer in Deutschland ist es normal, Frauen sexuell zu belästigen – das heißt dieser Satz, auch wenn Wizorek dem simplen „Männer sind so“ durch einen abstrahierenden Verweis auf unser aller „Männlichkeitsbild“ ausweicht. Vor diesem Hintergrund gibt es dann für sie selbstverständlich auch nur eine mögliche Erklärung dafür, dass Männer ebenso wie Frauen über die Taten von Köln schockiert sind: Sie haben offenbar rassistische Motive.

Erst wenn Fremde als Täter identifiziert würden, würde den Opfern endlich geglaubt. Doch das lässt Wizorek, auch mit einem kleinen Seitenhieb auf ihre Vorgängerin in der Rolle der Talkshow-Beauftragten des deutschen Feminismus, nicht durchgehen:

„Frauenrechte und Feminismus dürfen nicht instrumentalisert werden, um Rassismus zu legitimieren.“

Das kann als edle zivile Position verkauft werden, weil es ja schließlich ebenso antisexistisch wie antirassistisch ist, es hat nur den kleinen Nachteil, das daran so gut wie alles falsch ist – mit Ausnahme eben der Aussage im letzten Satz.

Dass der Schock über die Taten von Köln groß ist, hat einen einfachen, naheliegenden und als Erklärung völlig ausreichenden Grund: Die Taten sind deutlich schlimmer als die Flüche eines gereizten Autofahrers, als die Aufdringlichkeit eines Kommilitonen oder die Enttäuschung durch einen Dozenten, der anders reagiert als erhofft. Es ist ein genuiner Schock darüber, dass Frauen offen und massenhaft Gewalt angetan wurde – und es gibt keinen Beleg dafür, dass dieser Schock geringer wäre, wenn die Gewalt von „weißen ‚Bio-Deutschen“ (Wizorek bei Vice, siehe unten) verübt worden wären.

Als die Taten von Köln in die Schlagzeilen kommen, versuchen viele Feministinnen auf Twitter, sie mit dem Oktoberfest zu vergleichen, weil es auch dort beständig zu Übergriffen kommen würde. Auch dieser Vergleich verharmlost die Taten erheblich. Unwichtig und ungehört bleibt hingegen eine syrische Journalistin, die über ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus in Deutschland und Syrien schreibt – und die das Leben in Deutschland als wesentlich sicherer erlebt.

Das könnte inmitten der vielen schlechten Nachrichten und ihrer Nutzung für inhumane, rassistische politische Ziele als eine sehr gute Nachricht verstanden werden: Männer wie Frauen lehnen sexuelle Gewalt gegen Frauen mit großer Selbstverständlichkeit, aber auch mit großer Empörung und Intensität ab. Weil das aber, warum auch immer, die falsche Nachricht ist, unterstellen Wizorek und andere, die Empörung über die Kölner Verbrechen könne bloß rassistische Motive haben. Warum?

 

Warum Anne Wizorek sexuelle Gewalt verharmlost

Nicht erst mit Migranten sei Sexismus nach Deutschland gekommen, schreiben Stefanie Lohaus und Anne Wizorek bei Vice – als ob das jemals irgend jemand behauptet hätte. Und dann:

„Die Rape Culture ist längst da. Dieser Begriff beschreibt Gesellschaften, in denen sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung verbreitet sind und weitgehend toleriert werden.“

Eine solche Gesellschaft ist für sie die deutsche.

Das bedeutet: Für deutsche Männer sei es normal, Frauen zu vergewaltigen – so wie es für die Gesellschaft insgesamt normal sei, diese Verbrechen zu tolerieren oder gar zu fördern. Ganz in diesem Sinn schreibt zum Beispiel Hengameh Yaghoobifarah in der taz:

„Jede Aktivität im öffentlichen Raum, jede Busfahrt, jeder Barbesuch, jeder 500-Meter-Fußweg bis zur Wohnungstür gestaltet sich wie ein Eierlauf durch die Hölle. Laute Typengruppen bedeuten einen Straßenseitenwechsel, das bereite Handy für die Notruf-Schnellwahl, zwischen den Fingern zu einem Schlagring aufgestellte Schlüssel und viel Herzrasen.“ 

Männer üben hier schon dadurch Gewalt aus, dass sie eine Straße entlanggehen. Ganz ähnlich funktionierte auch ein Video, dass im Jahr 2014 viral geworden war (ich hatte darüber hier schon einmal geschrieben). Es hatte eine weiße, junge Frau beim Gang durch die Wohnviertel von Schwarzen in New York begleitet – und diesen Gang als einen Spießrutenlauf der Frau in einer sexistischen Umgebung präsentiert. Tatsächlich gab es einzelne Männer, die sich sehr aufdringlich, auch potenziell bedrohlich verhielten – zum Beispiel einen, der einfach eine ganze Weile eng neben ihr herging. Insgesamt bestand der hier angeprangerte Sexismus jedoch weitgehend daraus, dass Männer „Have a nice day!“ sagten – womöglich in einem linkischen Versuch, mit der Frau in Kontakt zu kommen.

Angesichts der Inszenierung wurde der unterschwellige, aber deutliche Rassismus dieses Hollaback-Videos kaum und spät bemerkt, ebenso wie die Tatsache, dass die sexistischen Äußerungen zum großen Teil vergleichsweise harmlose Grüße waren. Nun mag es nervtötend sein, durch eine Stadt zu gehen und von lauter unbekannten Männern beständig einen schönen Tag gewünscht zu bekommen – dieser inszenierte Spießrutenlauf ist gleichwohl Welten entfernt von dem realen Spießrutenlauf, dem sich Frauen den Berichten nach im Kölner Hauptbahnhof unterziehen mussten.

Das Hollaback-Video hatte eben dieselbe politische Agenda wie Wizoreks Reden über Alltagssexismus: Um zu zeigen, dass Frauen tagtäglich sexistische Gewalt erfahren, werden auch Situationen, die schlicht unangenehm, störend oder vielleicht auch abstoßend sind, als Gewaltakte präsentiert. Diese Agenda basiert mindstens auf zwei Voraussetzungen.

Erstens haben die „Täter“ kein Recht mitzureden, weil ihre Perspektive die Darstellung zwangsläufig relativieren, ja sogar klare Täter-Opfer-Zuordnungen behindern würde.

Zweitens muss sie den Vergleich mit unbezweifelbar massiven Gewalterfahrungen vermeiden.

So ist dann die Position, die Wizorek und andere beziehen, inhuman in doppelter Hinsicht. Sie ignoriert die große, selbstverständliche Solidarität von Männern mit weiblichen Gewaltopfern und unterstellt diesen Männern blind, ihre Solidarität basiere nur auf rassistischen Motiven – und auf dem Wunsch, den eigenen Sexismus zu kaschieren.

Und: Sie verharmlost massive weibliche Gewalterfahrungen, sobald sie nicht in die eigene Agenda passen. Wer seine Position und sein Geschäft darauf aufbaut, die Alltäglichkeit von Sexismus zu behaupten – der muss dann eben eine nicht-alltägliche, extreme sexistische Gewalt in die eigenen Maßstäbe zurückzwängen und gezielt den Unterschied verwischen zwischen einem nervtötenden Blick, einem „Grapschen“ – und einer Vergewaltigung.

Bleibt nur noch die Frage: Wie kommen solche inhumanen, irrationalen Positionen eigentlich beständig ins öffentlich-rechtliche Fernsehen?


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