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Lernen. Eine Triggerwarnung

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Von seltsamen Geschehnissen an amerikanischen Universitäten berichtet in dieser Woche die Zeit:

„Im Februar wurde auf Drängen von Studentinnen der Northwestern University ein Disziplinarverfahren gegen eine Professorin eingeleitet, die erklärt hatte, dass die Missbrauchsangst bei Liebeleien auf dem Campus übertrieben werde.

Im Mai verlangten Studenten der Columbia University, Professoren müssten sie vor dem traumatisierenden Inhalt von Ovids Metamorphosen warnen.

Im Oktober löste in Yale eine Psychologin eine Protestwelle aus, als sie sich weigerte, Studenten vorzuschreiben, welche vermeintlich kulturell aneignenden Kostüme sie zu Halloween nicht tragen dürften.“ 

Aktueller Anlass für den Artikel: Die Kantine des berühmten Oberlin-College hatte internationale Speisen angeboten und dafür, voller Naivität, „wohl auf Lob gehofft“. Tatsächlich gab es heftige Proteste von Studentenvereinigungen: Die Speisekarte würde Güter fremder Kulturen vereinnahmen und mache sich der „kulturellen Aneignung“ (cultural appropriation) schuldig.

Stop

Heutige studentische Aktivisten würden, anders als ihre Vorgänger vor einigen Jahrzehnten, nicht mehr für „Free Speech“, die Freiheit der Rede, eintreten – so Josef Joffe in einem anderen Zeit-Artikel:

„Heute wollen die privilegierten Zöglinge von Yale (und anderen Elite-Colleges) nicht hören und sehen, was ihnen ‚Schmerz’ bereitet.“

Der Autor des zuerst zitierten Textes bleibt anonym: Ein solcher Artikel sei Selbstmord für seine akademische Karriere, habe ihm eine Freundin gesagt. Selbst überaus profilierte Rednerinnen, über deren Vorträge Universitäten normalerweise stolz wären, wurden aufgrund von Protesten wieder ausgeladen. Condolezza Rice, die Sicherheitsberaterin von G.W. Bush, und Christine Lagarde, die IWF-Chefin, zum Beispiel. Als vor wenigen Tagen die Feminismuskritiker Milo Yiannopoulos und Christina Hoff Sommers an der University of Minnesota eingeladen waren, konnten sie ihre Vorträge nur gegen massive Störungen halten. Erst in der Woche zuvor war ein Vortrag von Yiannopoulos an der Rutgers University ebenso heftig, und mit den Einsatz von Kunstblut, gestört worden.

Seit Jahren schon verlangen Studenten Trigger Warnings für Bücher – Warnungen davor, dass der Inhalt sie verstören könnte. Bücher wie Mark Twains Huckleberry Finn (weil darin das Wort „Nigger“ vorkommt), F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby (weil darin Gewalt vorkommt) oder Virginia Woolfs Mrs Dalloway (weil der Text an vergangene Verletzungen erinnern könnte) gehören dazu.

Bemerkungen, die ohne böse Absicht gesagt, aber von den Angesprochenen als verletzend erlebt werden, gelten als „Mikroaggressionen“ – die Frage an eine japanisch aussehende Studentin etwa, ob sie japanische Schriftzeichen lesen könne, schließe sie auf subtile Weise aus.

Auch Deutschland ist von solchen Entwicklungen nicht frei. Die feminismuskritische Monika Ebeling erlebte ebenfalls schon massive Proteste bei Reden an Universitäten. Eine Vorlesungsreihe des berühmten Berliner Politik-Professors Herfried Münkler wurde von anonym bleibenden Studenten in einem Blog  regelmäßig selektiv wiedergegeben, Münkler selbst wurde problematischer und diskriminiereneder Äußerungen bezichtigt. Kinderbücher von Astrid Lindgren und Ottfried Preußler lösten eine erregte Diskussion aus: Die Verlage hatten aus Pippi Langstrumpf und Die kleine Hexe den Begriff „Neger“ entfernt, so wie Mark Twains Verlag schon zwei Jahre zuvor im Huckleberry Finn den Begriff „negro“ mit „slave“ ersetzt hatte.

So skurril oder nebensächlich solche Konflikte wirken mögen, so haben sie doch ernsthafte Konsequenzen. Die oben erwähnte renommierte Kinderpsychologin beispielsweise, die ihren Studenten keine Vorschriften im Hinblick auf Halloween-Kostüme machen wollte, hat unter dem Druck massiver studentischer Proteste gegen sie – und gegen ihren Mann, der die Kühnheit besaß, sie offen zu verteidigen – ihre Lehrtätigkeit eingestellt. Für die Aktivisten ist das kein Grund, die Angemessenheit ihres Protestes zu überdenken.

„’Ich will nicht irgendwelche Debatten führen müssen’, schrieb eine Protestführerin in Yale während der Kontroverse um Halloween-Kostüme. ‚Ich will über meinen Schmerz reden.’”

Welchen Sinn aber haben solche Proteste? Und warum werden ausgerechnet Universitäten, die doch eigentlich Zentren offener Debatten sein müssten, zu Zentren ihrer massiven Behinderung?

Und – welche Auswirkungen hat das darauf, dass Universitäten eigentlich Stätten des Lernens sind?

 

Vom Glück der Unsicherheit

Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget trifft eine einfache, aber sehr nützliche Unterscheidung, die zwischen Assimilation und Akkommodation. Wir würden die Wirklichkeit nicht in jeder Situation ganz neu wahrnehmen, sondern sie unwillkürlich nach bereits erlernten Mustern – Schemata –  sortieren. Sehen wir ein Haus, können wir es beispielsweise ohne weitere Überlegung nach dem Schema „Haus“ einordnen, ohne es jeweils von Neuem genau untersuchen und auf seine Funktion hin überprüfen zu müssen.

Was aber geschieht, wenn das, was wir wahrnehmen, nicht zu den vorgängigen Schemata passt? Für Piaget gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Wir können assimilieren, also die Wirklichkeit an die Schemata anpassen, die wir schon mitbringen – oder wir können akkommodieren, nämlich unsere Schemata entsprechend der neuen Situation ändern.

Wer bislang nur Häuser mit roten, gelben oder schwarzen Steinen kennt und dann ein Haus aus leuchtend grünen Steinen sieht, wird es trotzdem unschwer als „Haus“ erkennen – er kann den Unterschied als irrelevant herausfiltern und so die Wahrnehmung assimilieren.

Wer aber sein Leben in einem kleinen Bergdorf verbracht hat, lediglich kleine  Einfamilienhäuser und Berghütten kennt – und wer dann eine Großstadt besucht und plötzlich vor einen fünfzigstöckigen Hochhaus steht – der wird sein Schema „Haus“ modifizieren, also akkommodieren müssen.

Würden wir niemals assimilieren, dann wären wir permanent überfordert, weil jede Situation für uns wieder und wieder völlig neu wäre und wir niemals auf Routinen und Gelerntes zurückgreifen könnten. Würden wir aber niemals etwas anders tun als zu assimilieren, dann würden wir auch niemals etwas lernen.

So wird dann auch deutlich, warum der Ruf nach Trigger-Warnungen, Safe Spaces, dem Schutz vor ungeliebten Meinungen und Daten, vor den Irritationen durch „Mikroaggressionen“ so destruktiv werden kann: In ihm drückt sich die Erwartung aus, dass die Wirklichkeit beständig an das assimiliert werden müsse, was die Rufenden immer schon für richtig halten. Ausgerechnet an Universitäten etabliert sich damit eine einflussreiche politische Bewegung, die in ihrer Logik lernfeindlich ist.

Dabei geht es nicht allein um das Lernen von Daten und Fakten, auch wenn die Ausblendung unerwünschter Sachverhalte ein wichtiger Aspekt dieser Bewegung ist. Selbst schon ein schlichtes Erwachsenwerden wird so verweigert – als ob die Aktivisten die seltsam regressive Erwartung hätten, akademisch gefüttert zu werden wie Kinder: mit mäßig gewärmten, nicht zu kalten und nicht zu heißen Mahlzeiten, mit immer gut verträglichen Portionen, und ohne Bestandteile, die über längere Zeit gekaut oder verdaut werden müssten.

Auch politisch ist diese Bewegung destruktiv. Der Unterschied zwischen einer Ideologie und einer seriösen politischen Position lässt sich gerade an dem zwischen Assimilation und Akkommodation gut verdeutlichen. Ein Ideologe assimiliert ausschließlich und akkommodiert nicht – seine politische Position erlaubt es ihm, beliebige Daten der Wirklichkeit jeweils so umzurechnen, dass sie wiederum als Bestätigung der Position gedeutet werden können.

Wer beispielsweise einer Verschwörungstheorie nachhängt, kann jeden Hinweis auf die fehlende Tragfähigkeit dieser Theorie als bewusst gesetzte Täuschung der Verschwörer interpretieren und sich durch ihn schließlich sogar bestätigt fühlen. Ähnlich funktioniert das abstrakte Reden von „Herrschaftsstrukturen“, das viele der heutigen linken Bewegungen dominiert und das der politischen Linken derzeit wohl mehr Schaden zufügt als jede andere Idee. Noch jeder Versuch, den verselbständigten und um sich selbst kreisenden Herrschaftslogiken zu widersprechen, lässt sich im Rahmen dieser Logiken als Verteidigung von Privilegien interpretieren  – und bestätigt damit eben jede Logiken, die eigentlich widerlegt werden sollten. Sie sind damit in sich selbst abgedichtet und abgesichert.

Wer hingegen akkommodiert, also lernt, der wird Unsicherheit ertragen müssen. Mehr noch: Das Glücksgefühl, das mit Lernen verbunden sein kann, ist ohne diese Unsicherheit kaum zu erklären.

Ganz allgemein ließe Lernen sich beschreiben als Übergang von einem halbwegs stabilen Zustand in einen anderen halbwegs stabilen Zustand – aber dieser Übergang selbst ist notwendigerweise in aller Regel nicht stabil. Lernen ist grundsätzlich eine Erweitung von Möglichkeiten – und wer das will, der wird über das hinausgehen müssen, was er jeweils schon kennt. Deutschbücher beispielsweise sind – nach meiner Erfahrung als Deutschlehrer – oft eben auch deshalb so langweilig, weil sie sorgfältig auf alle Texte verzichten, die irgendjemanden stören oder provozieren könnten: Eben damit wird aber überhaupt nicht mehr deutlich, weshalb das Lesen von Literatur wichtig sein kann.

Wenn ein Kind lernt, Fahrrad zu fahren, dann ist es irgendwann ungeheuer stolz auf das Gelernte, probiert es aus, variiert es – aber zuvor ist es in den meisten Fällen mehrere Male mit dem Rad umgefallen und hat sich weh getan.

Dass Kinder beim Lernen hinfallen können, lässt sich nicht verhindern – es lässt sich aber verhindern, dass sie sich ernsthaft verletzen können. Auch nur halbwegs verantwortungsbewusste Eltern kämen beispielsweise kaum auf die Idee, einem Kind mitten auf einer vielbefahrenen Straße das Radfahren beizubringen.

Eben dies aber wird in der extremen Empfindlichkeit der Forderungen nach Safe Spaces, Trigger-Warnungen, in der aufgeregten Enttarnung von Mikroaggressionen geschleift: Der so wichtige Unterschied zwischen eine Unannehmlichkeit und einer ernsthaften Gefahr existiert hier nicht.

 

Emanzipation durch Angst?

Statt dessen wird in dieser Logik unmerklich eine andere Unterscheidung wichtig: Die zwischen uns und denen. Während die, die sich als schützenswert – nämlich als unterprivilegiert, emanzipatorisch, ausgegrenzt – definieren, selbst noch vor der Provokation einer unliebsamen Lektüre zu schützen sind, werden die Risiken für die anderen, die diese Provokation zu verantworten haben, beliebig vergrößert und ignoriert.

Die immensen persönlichen Risiken und die erheblichen Risiken für Bildungsinstitutionen, die mit einer beliebigen Einschränkung der freien Debatte verbunden sind, scheinen heute vergessen – als hätten es niemals eine Auseinandersetzung mit den Schrecken und Brutalitäten der McCarthy-Ära gegeben.

Es fehlt ein gemeinsamer, von allen nachvollziehbarer Maßstab dafür, wo Grenzen gezogen werden müssen – stattdessen  werden Grenzen von dem jeweils subjektiven Gefühl einiger gesetzt, angegriffen oder verletzt worden zu sein. In der Vorstellung, an amerikanischen Universitäten grassiere eine Vergewaltigungsepidemie, wird diese Abwendung von gemeinsamen Maßstäben auch juristisch hochgefährlich.

Ein Beispiel dafür ist der deutsche Paul Nungeßer, der als Student der New Yorker Columbia University von seiner ehemaligen Freundin Emma Sulkowicz öffentlich, nachdrücklich, effektvoll und mit großem medialen Erfolg als Vergewaltiger inszeniert wurde – obwohl er von den Vorwürfen entlastet wird.

„Wenn US-Unis gegen sexuelle Gewalt vorgehen, haben Angeklagte weder einen Verteidiger, noch gilt für sie die Unschuldsvermutung“,

kommentiert die Zeit.

Ein Student der Auburn University, der einer Vergewaltigung bezichtigt wurde, wurde trotz eines gerichtlichen Freispruchs von der Universität verwiesen. Ein Student der University of Montana erhielt immerhin 245.000 Dollar Entschädigung von der Universität, weil seine akademische – und sportliche – Karriere dort durch fälschliche Vergewaltigungsvorwürfe zerstört worden war.

Dozenten aber, die sich gegen die faktische Abschaffung der Unschuldsvermutung wenden, werden – so Joffe –  offen als Verteidiger von Vergewaltigern gebrandmarkt.

Damit leben zwei zentrale Prinzipien der McCarthy-Ära wieder auf: das Prinzip der „Guilt by Suspicion“, des Schuldigseins auf Verdacht, das keinen Raum für die Unschuldsvermutung lässt – und das Prinzip der „Guilt by Association“, bei dem jemand schuldig ist, weil er zu jemand anderem, der schuldig ist, in einer Verbindung steht, ihn also zum Beispiel verteidigt. Warum aber mündet das Versprechen der Emanzipation darin, erneut ein Klima der Angst zu schaffen?

 

Eine Fernbedienung für die Welt

In dem Erfahrungsbericht How I Became a Feminist Victim“ (was sich mit „Wie ich ein feministisches Opfer wurde“ übersetzen lässt, aber auch mit „Wie ich ein Opfer des Feminismus wurde“) erzählt Eleanor Sherman, Studentin und Autorin in Oxford, davon, wie sie sich an ihrer Universität einer bekannten feministischen Gruppe anschloss, sich intensiv mit Frauenfeindlichkeit und dem Konzept der Rape Culture auseinandersetzte – und wie sie sich schließlich immer mehr zurückzog, ängstlicher und verletzbarer fühlte, weil sie sich einer umfassenden männlichen Herrschaft ausgeliefert sah.

„Der Feminismus hatte mir nicht das Selbstvertrauen gegeben, es mit der Welt aufzunehmen – er hatte mich nicht stärker, wilder oder härter gemacht. Ironie der Ironien: Er hatte mich in eine Frau verwandelt, die lange Kleider trug und mit ihren Freundinnen zu Hause blieb. Die Welt draußen wurde zu einem Minenfeld.” (Originalzitat im Anhang)

Ist aber nicht auch das eine Form des Lernens?  Schließlich hatte sich Sherman intensiv mit Theorien und politischen Positionen auseinandergesetzt und etwas kennen gelernt, was sie zuvor nicht kannte.

Tatsächlich können wir natürlich auch etwas lernen, das uns schadet – traumatische Erfahrungen sind ein Beispiel dafür. Der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey – der sich übrigens politisch als Linken sah, als demokratischen Sozialisten – hat schon vor genau hundert Jahren in seiner 1916 erschienenen Schrift Democracy and Education einen abstrakten, allgemeinen Maßstab dafür angegeben, welche Art des Lernens in Schulen angestrebt werden solle: Lernen sei eben dann sinnvoll, wenn es weiteres Lernen ermögliche und fördere.

Wer hingegen lernt, die Welt als Produkt der Herrschaft von Feinden anzusehen – der lernt eben das und dann nichts mehr weiter, weil er alles Weitere ohnehin nur als Bestätigung seiner Ausgangsthese interpretiert. Zudem behindert er andere Menschen, eben die Feinde, an ihrer weiteren Entwicklung und beschädigt so die sozialen Strukturen, die für das Lernen einer demokratischen Gesellschaft wichtig sind. Die Angst vor der Welt, welche beständig reicher und mannigfaltiger ist als die eigenen Schemata, äußert sich im Ressentiment gegen den jeweiligen Feind.

Angst liegt wohl auch den heutigen Bewegung protestierender Studenten zu Grunde. Es ist die Angst einer sehr privilegierten, akademisch gebildeten, gehobenen – ob weißen oder nicht-weißen – Mittelschicht, in den Abwärtsstrudel der unteren Mittelschichten hineinzugeraten. Die eigene Gefährdung wird von den Aktivisten dabei massiv überproportional wahrgenommen – die Rede von einer Vergewaltigungsepidemie an den Universitäten verdeckt beispielsweise, dass Frauen mit universitärem Abschluss statistisch deutlich seltener Opfer sexueller Gewalt werden als Frauen ohne einen solchen Abschluss.

Im gängigen, zentralen und moralisierenden Feindbild des „angry white man“ bündelt sich also das Bestreben einer gehobenen akademischen Mittelschicht, sich von den sozial abstürzenden unteren Mittelschichten und der Arbeiterschicht abzugrenzen. Schon im Glauben, eine Kontrolle der Sprache könne soziale Ungerechtigkeiten verhindern, drücken sich die sozialen Privilegien der protestierenden Studenten aus: Möglich ist dieser Glaube nur in einem Umfeld, dessen Angehörige von Handlungsdruck weitgehend befreit sind und in dem Menschen sich mit medialen Repräsentationen der sozialen Wirklichkeit stärker auseinandersetzen als mit dieser Wirklichkeit selbst.

Das wiederholt beständig eine berühmte absurde Szene aus dem Film Willkommen Mr. Chance (Being There). Peter Sellers spielt dort den Gärtner Mr. Chance, der sein Leben im Hof seines Herrn zugebracht und der die Welt nur über das Fernsehen kennen gelernt hat. Als sein Arbeitgeber stirbt, muss er den Hof verlassen. Er geht in die Stadt, wird von einigen Jugendlichen mit einem Messer bedroht, holt als Reaktion darauf seine Fernbedienung aus der Tasche, richtet sie auf die Jugendlichen – und versucht, sie damit auszuschalten.

Ein Gegenstück zu einem Gestus des Abschlusses, der Angst vor der Welt und vor dem Lernen findet sich in einer der wichtigsten politischen Reden des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist eine Rede, die heute, genau genommen, mit Triggerwarnungen versehen oder in Druckfassungen umgeschrieben werden müsste – in ihr kommt nämlich insgesamt sechzehn Mal das Wort „Neger“ / „Negro“ vor. Es ist Martin Luther Kings Rede, die er 1963 am Lincoln Memorial in Washington hielt und die unter dem Titel „I Have a Dream“ bekannt ist.

Sicherlich würde King heute selbst nicht mehr das Wort „Negro“ verwenden, das er 1963 völlig unbefangen benutzt – gleichwohl wäre eine nachträgliche Reinigung seiner Rede davon verfälschend. Auch das gehört eben wesentlich zum Lernen dazu  – zu verstehen, dass der eigene Horizont nicht derselbe Horizont ist, den andere Menschen haben, und dass der Horizont der Gegenwart anders ist als der vergangener Zeiten.

King zielt in seiner Rede auf eine umfassende soziale Inklusion, nicht auf eine Exklusion. Er spricht offenkundig nicht deshalb von einem Traum, weil er etwa zeigen wollte, wie unrealistisch eine gerechte, nicht-rassistische Gesellschaft ist – sondern um einen offenen Horizont zu skizzieren, der über das hinaus weist, was gegenwärtig möglich ist.

Es ist ein Gestus des Vertrauens, nicht der Angst, mit dem er seine Rede hält – des Vertrauens darauf, dass Menschen immer weiter lernen können, um die Gesellschaft seines Traumes eines Tages zu realisieren.

Der Aktivismus der Safe Spaces und der Triggerwarnungen, der aggressiven Zuweisung von Schuld und der Empörung über Mikroaggressionen, der Angst vor der Welt und der Angst vor dem Lernen hat sich von diesem Traum Martin Luther Kings so weit wie nur irgendwie möglich entfernt.

 

Die zitierte Passage aus dem Text Eleanor Shermans habe ich selbst ins Deutsche übersetzt, hier ist das Original:

Feminism had not empowered me to take on the world – it had not made me stronger, fiercer or tougher. Irony of ironies, it had turned me into someone who wore long skirts and stayed at home with her girlfriends. Even leaving the house became a minefield.

PS. Und dazu passend:


Einsortiert unter:Literatur, Männer Frauen, Politik, Schule

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