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Wo das Land Niedersachsen seine Familien versteckt

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Ein österliches Suchspiel

Neulich habe ich einmal versucht herauszufinden, wer in der Landesregierung meines Bundeslandes Niedersachsen für die Familienpolitik zuständig ist. Es gibt zum Beispiel eine Seite, die ein „familien- und kinderfreundliches Niedersachsen“ verspricht und die gleich klarstellt: „Familie ist dort, wo Kinder sind.“

Am Ende der Seite finden wir Links, und gleich der erste verspricht „Wissenswertes für Eltern in Niedersachsen“. Wer ihn anklickt, stellt allerdings fest, dass es zur Zeit für Eltern in Niedersachsen nicht viel Wissenswertes gibt:

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Immerhin gibt es auf dieser Seite auch eine Rubrik für Väter in Niedersachsen, die zur Zeit gleich an erster Stelle ein „Soziales Training für Väter, die Gewalt ausgeübt haben“ nahelegt.  Immerhin bietet sie den Vätern, die ihre Kinder nur alle zwei Wochen zum Wochenende sehen können, auch Beratungen bei Trennung und Scheidung an, passenderweise neben einem abenteuerlichen Vater-Sohn-Wochenende.

Politische Verantwortliche für Familienpolitik hatte ich damit allerdings noch nicht gefunden, und so suchte ich weiter auf der Seite der niedersächsischen Landesregierung. Natürlich gibt es im Justizministerium ein Referat für Familienrecht und anderes, aber zuständig für Familienpolitik ist es nicht.

Also schaute ich dann beim Organisationsplan im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung nach, aber auch dort fand ich nichts.

organisationsplan-1-min

 

Abteilungen für Frauen und Gleichstellung, für Gesundheit und Prävention oder für Soziales, Pflege und Arbeitsschutz, aber keine für Familien. Es gibt zudem eine Referatsgruppe für „Zentrale Aufgaben“, aber auch dort ist Familienpolitik nicht dabei.

Also suchte ich weiter in anderen Ministerien, fand aber nichts und kehrte schließlich zum Sozialministerium zurück. Dort entdeckte ich es schließlich: Familienpolitik findet sich dort tatsächlich, und zwar im Referat 304 („Familienpolitik, Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebensweisen“), das der Abteilung 3 – „Migration und Generationen“ – untergeordnet ist.

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Das hat mich dann doch irritiert. Welchen Sinn hat es, Familienpolitik als eines der Themen in einem der Referate in einer der Abteilungen eines der Ministerien zu verstecken? Ich weiß zudem zwar nicht so recht, was mit „Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebensweisen“ gemeint und was zum Beispiel eine „fremdgeschlechtliche Lebensweise“ sein könnte. Aber wenn es darum geht, dass Homosexuelle und Lesben nicht benachteiligt werden sollten, dann bin ich dafür.

Was nichts daran ändert, dass „Familie“ ja nicht einfach eine unter vielen anderen möglichen Lebensweisen ist. So wirkt diese Platzierung wie eine sinnlose politische Provokation – als würde schon auf konservative Familienpolitiker gewartet, die sich darüber ereifern, dass die Familienpolitik Niedersachsens tief im Kleingedruckten verschwindet.

 

Schulen brauchen Familien

Es ist weder konservativ noch progressiv, sondern einfach realistisch, Familienpolitik einen Wert beizumessen. Als Lehrer kenne ich natürlich das schulpädagogische Ideal, die Unterschiede ausgleichen zu können, mit denen Kinder aus ihrem Zuhause in die Schulen kommen. Das ist in einem begrenzten Maß auch möglich – vor allem dort, wo es um Bildungsunterschiede der Elternhäuser geht.

Grundsätzlich aber baut Schule eben auf dem auf, was Familien tun. Ich habe Kinder und Jugendliche erlebt, die mit elf, zwölf Jahren eine Konzentrationsspanne von höchstens fünfzehn Sekunden hatten. Oder Kinder gleichen Alters, die am Montag wirr und aufgedreht in die Schule kamen und erzählten, dass sie von Freitagnachmittag bis Sonntagnacht am Computer durchgezockt hätten. Oder, mehrmals schon, Jungen, die wegen ihres Verhaltens auffällig waren und die dann im Gespräch weinten, weil sie keinen Kontakt mehr zu ihren Vätern hatten.

Es ist eine Illusion zu denken, dass staatliche Institutionen so etwas ausgleichen könnten. Im Gegenteil: Je mehr an Struktur, Sicherheit, Sozialkompetenz, Interesse und Konzentrationsfähigkeit die Kinder und Jugendlichen zur Schule mitbringen – desto mehr können sie von der Schule auch profitieren.

Das wiederum ist keine konservative Feststellung, sondern eine, die sich gut mit der Theorie des linken französischen Soziologen Pierre Bourdieu erklären lässt: Wer größeres soziales und kulturelles Kapital hat, kann eben auch mehr investieren, um sein Kapital zu vergrößern.

Schulen können dieses Kapital nicht einfach im Gleichstellungsinteresse umverteilen, und sie können fehlendes Kapital auch nicht beliebig ersetzen. Als Lehrer finde ich es oft ernüchternd, dass gerade bei Kindern, die besonders offensichtlich Hilfe brauchen, Hilfe ganz besonders schwierig ist. Politisch bleibt eigentlich keine andere Möglichkeit übrig, als dafür zu sorgen, dass Kinder schon mit einem Mindestmaß an sozialem und kulturellem Kapital in die Schule kommen – mit so viel, wie nötig ist, um in der Institution gut agieren zu können.

Das aber ist ohne eine gute Familienpolitik nicht möglich.

Wer Familienpolitik also, wie es die rot-grüne niedersächsische Regierung tut, demonstrativ als Nebenthema rubriziert, der trägt zu sozialen Ungerechtigkeiten bei.

Natürlich möchte die Landesregierung eigentlich etwas ganz anderes.

Die Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten dürfen nicht vom Geldbeutel oder der Herkunft der Eltern abhängen.“

Welche Regierung würde auch das Gegenteil behaupten?

 

Wozu gibt es Familien überhaupt?

Vorher heißt es, in einer bereits auszugsweise zitierten Passage:

Familie ist dort, wo Kinder sind. Dazu gehören ganz selbstverständlich auch Alleinerziehende, Patchwork- und Regenbogenfamilien.“

Das ist eine moralische Setzung, keine realistische Beschreibung. Wenn Familie überall dort ist, wo Kinder sind, dann könnten wir nach den „Ein-Eltern-Familien“ auch „Keine-Eltern-Familien“ konstruieren, die selbstverständlich dazugehören, und jedes Kinderheim wäre eine Familie, ebenso wie jedes Straßenkind.

Familien sind Systeme, und wie andere soziale Systeme auch strukturieren sie sich nach den Funktionen, die sie erfüllen. Wer die Systeme ändert, sie umbaut oder wichtige Teile aus ihnen herausnimmt, der muss eben darauf gefasst sein, dass sie ihre Funktion nun nicht mehr wie zuvor erfüllen können.

Wesentliche Funktionen des Systems Familie sind es, die eigene materielle Grundlage selbstständig zu sichern und einen halbwegs verlässlichen Rahmen für das Aufwachsen von Kindern bereitzustellen. Wer die Familie trennt, eine „Alleinerziehung“ – zutreffender ist der Begriff Getrennterziehung – als modernes Familienmodell propagiert, der begünstigt Systeme, die ihre Funktion nicht mehr erfüllen können. Mehrere Haushalte zu finanzieren ist nun einmal teurer, als einen gemeinsamen Haushalt zu finanzieren – und die größeren Schwierigkeiten Getrennter, Kinderbetreuung zu organisieren, schränken die Möglichkeiten des Verdienstes ein.

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Dass aber die Kombination höherer Ausgaben mit niedrigeren Einnahmen finanzielle Probleme produziert, ist eine simple ökonomische Feststellung, kein Bestandteil einer vermeintlich konservativen Familienideologie. Die sogenannte „Alleinerziehung“ ist entsprechend das größte Armutsrisiko für Kinder – europaweit, also unabhängig von allen sozialen Unterstützungssystemen.

Anstatt aber zu überlegen, welche Funktionen Familien erfüllen und welche Strukturen sie daher haben müssen, definiert die Landesregierung schlicht alle möglichen Modelle als Familie und verkauft das als Beitrag zu einer bunten, facettenreichen Politik.

Das lädt zu ideologischen Schaukämpfen ein, die niemandem helfen, die sich aber gut inszenieren lassen. Wer Zweifel an dieser Politik hat, steht dann als reaktionär da, zumindest als Vertreter eines konservativen Familienmodells.

Dass aber zum Beispiel Homosexuelle ein Adoptionsrecht erhalten, ist prinzipiell positiv. Wenn zwei Erwachsene die Verantwortung für Kinder übernehmen, dann ist das für die Kinder immer noch wesentlich sinnvoller, als wenn nur ein Erwachsener das tut.

Solange aber weiterhin leibliche nichtverheiratete Väter rechtlich benachteiligt sind oder Väter insgesamt vor Gerichten eine schlechtere Position als Mütter haben, würde das Adoptionsrecht Homosexueller wohl nur noch mehr Möglichkeiten schaffen, Väter aus den Beziehungen zu ihren Kindern zu drängen. Angesichts der Benachteiligung von Vätern würden ohnehin lesbische Frauen stärker profitieren als homosexuelle Männer.

Ein ideologischer Schaukampf des Für und Wider von Adoptionen durch Homosexuelle verdeckt also eher das wesentliche Problem. Es sind, auch hier, seltsame Prioritäten, wenn dieselben Akteure, die sich im Kampf gegen die Benachteiligung von Adoptiveltern inszenieren, zugleich an der flächendeckenden Benachteiligung leiblicher Eltern festhalten.

Wer aber die Bedeutung leiblicher Eltern herunterspielt, wird die Funktion der Familie für das Aufwachsen von Kindern kaum sichern können. Adoptiveltern können dann segensreich sein, wenn sie akzeptieren, dass sie diese Bedeutung nie vollständig ersetzen werden – und selbst für Kinder von Samenspender sind die Väter oft eine existentiell wichtig.  Die leiblichen Eltern sind eben für die schiere Existenz der Kinder verantwortlich – und diese Bedeutung ist nie völlig objektivierbar, sie bleibt immer Teil der eigenen Existenz.

 

Die weinende Mutter des Parteivorsitzenden (und sein schäbiger Vater)

Gerade Sozialdemokraten, die in Niedersachsen die Regierung führen, haben sich allerdings damit hervorgetan, diese Bedeutung herunterzuspielen. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig hatte zum Beispiel publikumswirksam die Forderung lanciert, dass unterhaltssäumigen Vätern der Führerschein entzogen werden sollte. Sigmar Gabriel, damals noch als Parteivorsitzender, sprang Schwesig in der Bild-Zeitung empört und mit eigenen Kindheitserinnerungen bei:

Ich werde das Bild meiner Mutter nicht vergessen, die weinend in der kleinen Küche saß, die Hände vor dem Gesicht, weil sie nicht mehr weiter wusste.“ 

Nun ist allerdings schon lange bekannt, dass sich viele der unterhaltssäumigen Väter selbst in finanziellen Notlagen befinden – und dass die Zahlungsmoral unterhaltspflichtiger Mütter deutlich schlechter ist als die unterhaltspflichtiger Väter, aus welchen Gründen auch immer.

Eine Politik schielt also lediglich auf Ressentiments, wenn sie sorgeberechtigte Mütter gegen unterhaltspflichtige Väter ausspielt und dabei mit telegener Empörung auf das Kindeswohl zeigt. Gabriel und Schwesig reproduzieren dabei mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit traditionelle bürgerliche Elternbilder: Das Kind gehöre zur Mutter – der Vater sei für die Finanzierung zuständig – Mütter wollten immer das Beste für das Kind – Vätern sei nicht zu trauen.

Kurz: Sozialdemokraten entwerfen eine bunte neue Familienwelt. Wenn es aber um deren ökonomische Absicherung geht, fällt ihnen nichts anderes als das Modell des Zahlvaters ein.

Das gibt sich links, ist aber eher eine rechte Politik. Linke Politik hat nämlich einmal damit angefangen, ressentimentgeladene, moralisierende Zuschreibungen an den angeblich verantwortungslosen Pöbel zurückzuweisen und stattdessen ökonomische Register zu ziehen. Dabei ging es keineswegs vordringlich um die Frage, wie Wohlstand verteilt werden sollte – sondern darum, WER überhaupt diesen Wohlstand produziert, und ob die Produzenten gerecht an ihm beteiligt sind.

Heute entwerfen Sozialdemokraten eine Familienpolitik, die ökonomische Überlegungen erst ganz auslässt – und die dann ausgerechnet von denen, die zuvor aus dem System Familie aussortiert worden sind, dessen ökonomische Absicherung erwartet.

Sinnvoller wäre es einzugestehen, dass ein Familienmodell dysfunktional ist, das die Elternschaft sauber in Sorgeberechtigte und Unterhaltspflichtige aufspaltet. Statt Beliebigkeit als bunte Landschaften auszugeben und dies als progressiv zu verkaufen, wäre es wichtig, Familien – auch nach Trennungen! – als Systeme anzusehen, die Funktionen zu erfüllen haben. Das Ziel der Unterstützung von Familien muss es sein, sie in den Stand zu setzen, diese Funktionen auf Dauer selbst erfüllen zu können.

Eine Propagierung der sogenannten „Alleinerziehung“ schielt möglicherweise auf Stimmen von einigen Müttern, unterstützt aber ein System, das seine Funktionen weiträumig eben nicht selbst erfüllen kann. Besser wäre es, Eltern zu helfen, sich gar nicht erst zu trennen – und ihnen nach Trennungen zu helfen, vernünftig und im Sinne der Kinder zu kooperieren.

Das aber bräuchte eine Politik, die Familienpolitik, ihre Möglichkeiten und Grenzen insgesamt erst nimmt – und sie nicht nur als Chance ansieht, Showkämpfe zu inszenieren.


Einsortiert unter:Familie, Populismus

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