Da hatte ich Aiman Mazyek, den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, wohl immer ganz falsch eingeschätzt. Es ist jedenfalls einfach bewundernswert, wie mutig und selbstkritisch, wie klar und entschieden er die 63,1% der Deutschtürken kritisiert, die beim Referendum für die endgültige Abschaffung der türkischen Demokratie gestimmt haben.
Wie er die Doppelmoral geißelt, mit der die Jasager hier in Deutschland in demokratischen Freiheiten leben, für deren Abschaffung in der Türkei sie sich gerade aus sicherer Distanz heraus stark machen.
Wie er ihre Verachtung für die Türken in der Türkei vorführt, die dort mit „Nein“ gestimmt haben, die dort unter heftigen Repressionen an der Nein-Kampagne beteiligt waren und die nun mit dem Ergebnis leben müssen. Anders als die Jasager in Deutschland.
Wie er die Selbstgerechtigkeit bloßstellt, mit der Kommentatoren auf seiner Facebookseite sich nun über Kritik an ihrem Verhalten empören, deutsche Kritiker sogleich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen oder ihnen gar Lust an der Deportation unterstellen.
Was die deutsch-türkische Freundschaft betrifft, möchte ich Herrn Mazyek allerdings gern beruhigen. Natürlich: Die Jasager haben demonstriert, dass ihnen an dieser Freundschaft ganz gewiss nichts liegt. Ich bin mir aber sicher, dass die allermeisten Deutschen – die wenigen mit türkischem Hintergrund und die vielen mit einem anderen – ganz gut unterscheiden können zwischen denjenigen, die für Erdogan gestimmt haben, und denjenigen, die es nicht getan haben.
Die Indifferenz eines Großteils der Deutschtürken ist natürlich etwas irritierend, aber möglicherweise ja auch ein Zeichen dafür, dass viele sich als Deutsche fühlen und mit der türkischen Politik gar nicht mehr viel zu tun haben wollen. Da bin ich ganz vertrauensvoll.
Nur warum Herr Mazyek die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin ins Spiel bringt, habe ich nicht ganz verstanden.
Möchte er damit sagen: Die Deutschen, deren Großeltern und Urgroßeltern für Hitler gestimmt haben, sollen etwas vorsichtiger damit sein, sich jetzt über Stimmen für Erdogans Machtergreifung zu mokieren? Das wäre dann also ein subtil eingeflochtener Hitler-Erdogan-Vergleich, den ich Herrn Mazyek in dieser Klarheit ebenfalls gar nicht zugetraut hätte. Wie geschickt eingefädelt – so, dass der Vergleich für jeden gleich erkennbar ist, dem ebenso diplomatischen wie mutigen Autor jedoch nicht zum Vorwurf gemacht werden kann.
Jedenfalls habe ich Herrn Mazyek vom Zentralrat der Muslime im Stillen Abbitte geleistet. Ich hatte oft gedacht, er würde dauermoralisierend ausschließlich die deutsche Mehrheitsgesellschaft kritisieren, ganz gleich, was auch immer geschieht – und er sei zu Kritik an den Menschen, die er im Zentralrat vertreten will, überhaupt nicht in der Lage.
Daher hab ich ihn auch immer für einen grottenschlechten Repräsentanten der Muslime in Deutschland gehalten. Da habe ich mich wohl geirrt – was ich sehr gern eingestehe.
Oder hab ich da etwas falsch verstanden?
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