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Umfrage zu sexueller Belästigung oder wie man Sexismus reproduziert

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Ich habe vor ein paar Tagen über die Umfrage der Gratiszeitung „20minuten“ zu Feminismus und Gleichstellung einen Blogbeitrag veröffentlicht. In derselben Umfrage wurden offenbar die Frauen außerdem nach ihren Erfahrungen zu sexuellen Übergriffen befragt. Männer wurden wieder einmal, wenn es um Opfererfahrungen geht, überhaupt nicht befragt. So reproduziert man selbstverständlich Stereotypien, und es ist eine Form von Sexismus gegenüber Männern!

Zumal bei dieser Umfrage zu Feminismus und Gleichstellung Männer (4‘121) und Frauen (2‘768) befragt wurden, wäre es ein Leichtes gewesen, desgleichen die Männer zu ihren Opfererfahrungen hinsichtlich sexueller Übergriffe zu befragen. Wenn dies nicht gemacht wird, dann dürfte der Fall klar sein: Frauen können immer bloß Opfer und Männer immer nur Täter sein und Opfererfahrungen von Männern werden vollständig ausgeblendet bzw. eskamotiert.

Wie sicher fühlen sich Frauen in der Schweiz?

Auf die Frage „Fürchten Sie sich als Frau als Frau alleine nachts unterwegs zu sein?“ gaben, je nach Altersgruppen aufgeschlüsselt, die Befragten die Antwort  „ja“ oder „eher ja“ wie folgt:

  • 18-34: 59%
  • 35-49: 51%
  • 50-64: 59%
  • 65 und älter: : 65%

Im Durchschnitt gaben demnach 58% der Frauen an, dass sie Angst haben, nachts alleine unterwegs zu sein.

Wurden Sie schon einmal Opfer sexueller Übergriffe?

Auf die Frage, ob die befragten Frauen bereits einmal Opfer sexueller Übergriffe wurden, gab es folgende Ergebnisse:

  • 56% antworteten mit nein;
  • 41% wurden bereits sexuell belästigt;
  • 3% wurden bereits vergewaltigt.

Das heißt, 44% der Frauen erlebten bereits sexuelle Übergriffe.

Ursachen für sexuelle Übergriffe und Gegenmaßnahmen

  • Daniela Brühwiler von der Frauenberatung sexuelle Gewalt Zürich ist der Auffassung, dass es noch zu viele Männer gebe, die die körperliche Integrität von Frauen nicht respektieren würden. In bestimmten Clubs gehöre es gewissermaßen zum Alltag, wenn Männer den Frauen in den Schritt oder an den Busen fassten.
  • Der hohe Anteil ausländischer Beschuldigter hinsichtlich sexueller Belästigung und sexueller Übergriffe wird darin gesehen, dass das Frauenbild in einigen Kulturen so sei, dass Frauen die Bedürfnisse der Männer befriedigen und immer verfügbar sein müssten und dies zu sexuellen Übergriffen verleite. Diese Aussage wird jedoch sogleich relativiert, indem darauf hingewiesen wird, dass das Bild des fremden Mannes, der aus dem Busch springe und eine Frau attackiere, ein Mythos sei, zumal 80% der Frauen den Täter kennen würden (Freundes- oder Familienkreis).
  • Aber schließlich gehe es immer um eine Machtausübung: Der Mann wolle der Chef sein und die Frau müsse ihm gleichsam zu jeder Zeit zur Verfügung stehen.
  • Abhilfe gegen sexuelle Übergriffe sollen „Benimmkurse“ für Jungs in Schulen schaffen (Jungs sollen in der Schule lernen, wie man sich anständig gegenüber einer Frau benimmt) sowie vermehrtes Sicherheitspersonal an Risiko-Orten, um den Frauen vermehrt ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln.

Ein paar Anmerkungen zu der Befragung und der Debatte

  • Wie bereits weiter oben dargelegt, wurden Männer überhaupt nicht danach gefragt, wie ihr Sicherheitsgefühl sei und ob und wie oft sie bereits Opfer von sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen wurden. Mann als Opfer und Frau als Täterin darf offenbar nicht thematisiert werden.
  • Zu Männern als Opfer von sexueller Gewalt gibt es neuere internationale Studien, die zu folgendem Schluss kommen: „Bei Untersuchungen in Chile und der Türkei gab es kaum Unterschiede bei den Opfererfahrungen zwischen den Geschlechtern. Im europäischen Vergleich zeigten sich 32% der Frauen und 27% der Männer betroffen von sexueller Gewalt. Es ist höchste Zeit, dass Medien und Politik ihr falsches Bild korrigieren.
  • Zumindest schwere sexuelle Übergriffe passieren hauptsächlich nicht im öffentlichen Raum, sondern im privaten Raum. Deshalb ist bereits die Frage danach, ob Frauen im öffentlichen Raum Angst haben in der Nacht, wenn sie alleine unterwegs sind, eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Viel eher müssten eigentlich Männer im öffentlichen Raum Angst haben, zumal Mord, Totschlag, Raub und Körperverletzung, wovon Männer 1.5 mal häufiger als Frauen betroffen sind, insbesondere im öffentlichen Raum passieren. Aber ob Männer im öffentlichen Raum Angst haben oder überdurchschnittlich von schwerer Kriminalität betroffen sind, interessiert selbstverständlich nicht. Männer als Opfer sind nicht opportun.
  • Zur gefühlten Angst im öffentlichen Raum: Auch hier muss man vorsichtig sein: Man weiß aus der Kriminologie sehr gut, dass tatsächliche Kriminalität und Kriminalitätsfurcht vielfach weit auseinanderliegen und das Ausmaß der realen Kriminalität x-fach überschätzt wird.

Die Reaktion von Feministinnen auf die Ergebnisse der Umfrage

Tamara Funiciello von den JUSO (Jungsozialisten der Schweiz) schrieb auf ihrem Facebook-Profil zu der Umfrage folgendes:

Und ihr sagt, es braucht keinen Feminismus mehr. Und ihr sagt, wir sollen zufrieden sein, mit dem, was wir haben. Und ihr sagt, wir sollen mal nicht so tun. Und ihr sagt, du willst es doch auch so.

Wir haben genug! Genug, davon, dass es normal ist Angst zu haben. Genug davon, uns rechtfertigen zu müssen. Genug davon, lieb bitten zu müssen, dass es endlich aufhört, weil wir sonst “der sache der Frauen schaden“, weil wir anscheinend zu laut, zu forsch fordern, was nichts anderes als normal sein müsste: Freiheit über unsere Körper selbst bestimmen zu können, Sicherheit vor sexistischer Machtausübung, Gewalt und Drohungen, Möglichkeiten uns zu entfalten frei von jeglichen Rollenbilder.

Wir haben nicht mehr vor, zu bitten. Wir fordern! Wir kämpfen!

Lasst es glitzern, lasst es knallen, Sexismus in den Rücken fallen!

Also, ich halte Funiciello für eine Populistin (manichäisches schwarz-weiss-Denken) und eine, die vor allem Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus betreibt. Ihr Motto heißt vermutlich: Der Zweck heiligt die Mittel – differenziertes Denken ist nicht ihre Stärke und Sexismus, sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe gibt es bei ihr vermutlich nur insofern, als Frauen Opfer und Männer Täter sind: Männer als Opfer und Frauen als Täterinnen sind vermutlich aus ideologischen Gründen nicht auf ihrem Radar.

Die gefühlte Angst ist offenbar ihr Gradmesser und so bedient sie sich desgleichen einer populistischen Kriminologie. Zu der gefühlten Angst bzw. der Kriminalitätsfurcht hat sich insbesondere der Kriminologe Christian Pfeiffer beschäftigt:

Die Kriminalitätsrate sinkt…

…und die Angst steigt

Die Zahl der Morde in Deutschland ist drastisch gesunken, ebenso die Zahl der Autodiebstähle. Dennoch nimmt die Furcht der Deutschen vor der Kriminalität zu.

Der Jurist Christian Pfeiffer macht dafür eine Spirale aus privaten Medien, Bürgermeinung und der darauf hörenden Politik verantwortlich. Für das Magazin „Bild der Wissenschaft“ analysierte der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover die Entwicklung. Die Zahl der Sexualmorde ist zwischen 1993 und 2003 um 37,5 Prozent zurückgegangen, die der Morde sogar um 40,8 Prozent, schreibt die Zeitschrift unter Berufung auf die Polizeiliche Kriminalstatistik. Die Zahl der Autodiebstähle sank gar um 70,5 Prozent.

Nach Meinung der Bevölkerung dagegen hat die Zahl der Sexualmorde um 260 Prozent, die der Morde um 27 Prozent zugelegt. Vier Entwicklungen seien für die Fehleinschätzung verantwortlich: Im Fernsehen sei die Zahl der kriminalhaltigen Nachrichten und Sendungen drastisch angestiegen. Daraufhin habe sich die Bürgermeinung verfestigt, dass die innere Sicherheit immer schlechter werde. Bei Jura-Studenten und Juristen sei der Gedanke an Resozialisierung verschwunden und die Abschreckung sei zum Sinn staatlichen Strafens erhoben worden. Den Trieb des Menschen nach Vergeltung befriedige die Politik durch schärfere Gesetze.

Auch die Journalistin Michèle Binswanger vom Tagesanzeiger betreibt mal in erster Linie eine populistische Kriminologie sowie Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus. Unter dem Titel „Heult nicht, Jungs, handelt! Die Zahl der sexuellen Übergriffe in der Schweiz hat zugenommen. Jetzt sind die Männer gefragt“ schreibt sie:

Zahlen lügen nicht – aber wenn man etwas erreichen will, erzählt man besser eine Geschichte. (…)

Viel mehr als die Tatsache, dass solche Schweine da draussen herumlaufen, erstaunte mich die Reaktion meiner Tochter. Denn als ich total empört nach dem Übeltäter fragte, antwortete sie, offensichtlich überrascht von meiner Reaktion: «Chill, Mama, so schlimm war es nicht.» Meine Tochter wollte mir wohl signalisieren, sie komme mit der Erfahrung klar. Doch ich wollte nicht chillen, sondern dem Übeltäter in die Eier treten.

Kommen wir einmal zu den Zahlen, die Binswanger in ihrer Überschrift bloß kurz anschneidet: Offenbar haben die sexuellen Übergriffe in der Schweiz zwischen dem Jahr 2015 und 2016 zugenommen. Wenn wir jedoch die Zahlen seit dem Jahre 2009 (Straftaten im Zusammenhang der sexuellen Integrität) vergleichen, so kann man sagen, dass sie mehr oder weniger stabil geblieben sind. Im Jahre 2013 wurden z.B. 7‘239 Straftaten gegen die sexuelle Integrität registriert und im Jahre 2016 waren es 7‘329 Straftaten. Wenn wir ausserdem das Bevölkerungswachstum in der Schweiz mitberücksichtigen würden, dann wären die Zahlen (relativ) vermutlich sogar rückläufig. Ausserdem sind das Zahlen aus dem Hellfeld und wir wissen nicht, ob  ev. das Dunkelfeld vermehrt aufgehellt wurde, weil z.B. mehr Anzeigen erstattet wurden als früher. Folglich: nix wissen wir ganz genau, aber schon mal populistisch wie die SVP (rechtspopulistische Partei in der Schweiz) laut herausposaunen, dass die Kriminalität wieder rasant zugenommen hat. Bei der SVP wird das gerne dann gemacht, wenn offenbar die Kriminalität der Ausländer oder Asylsuchenden politisch instrumentalisiert werden soll, bei den Feministinnen namentlich dann, wenn man die Männer zu Tätern hochstilisieren kann. Der feministische Binswangersche Duktus mit  „Schweine da draussen, die herumlaufen“ und „Übeltäter in die Eier treten“ unterscheidet sich rein formal nicht von rechtspopulistischen Hardlinern.

Das heisst selbstverständlich nicht, dass Taten relativiert werden sollen, aber bitteschön sollten ebenfalls Männer als Opfer und Frauen als Täter miteinbezogen werden und vorzugsweise nicht mittels eines populistischen Journalismus, der vornehmlich auf Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus setzt.


Einsortiert unter:Feminismus, Sexismus

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