Michael Kimmels Angry White Men
Das Buch Angry White Men des amerikanischen Soziologieprofessors Michael Kimmel entfaltet 2013 ein Modell, das politische Debatten bis heute mitbestimmt – beispielsweise bei der Suche nach Ursachen für den Wahlsieg Donald Trumps. Weiße Männer würden nicht deshalb zornig werden, weil sie mit realen sozialen Problemen konfrontiert seien – sondern weil sie in einer immer gerechter werdenden Welt ihre ungerechtfertigten Privilegien verlieren würden.
Es zeigt sich allerdings, dass dieses Modell eben gerade nicht zur Auseinandersetzung mit einem rechten Populismus geeignet ist, weil es dessen Klischees wiederholt und weil es Analysen sozialer Realitäten in Geschlechterressentiments überführt.
Feministische Terrorgruppen, wütende weiße Männer und weitere konstruktive Beiträge zur Debatte
„Wir müssen eine feministische Terrorgruppe gründen und die alten weißen Männer aus dem Weg schaffen.“
Dieser Satz aus der seriösen Wochenzeitung Die Zeit stammt aus einem recycelten Interview mit der Schriftstellerin Mirna Funk, das schon zwei Wochen zuvor in der Edition F erschienen war. In der Konkurrenz etablierter Medien miteinander und mit den sozialen Medien ist eine solche Äußerung Clickbait. Die absichtliche Grenzverletzung gewährleistet für eine Weile etwas Aufmerksamkeit von Menschen, die sich darüber empören, und von anderen, die anderen bei der Empörung zuschauen oder sich über die Empörung anderer Menschen amüsieren wollen.
Allerdings hätte die kalkulierte Grenzverletzung nicht mit jeder Gruppe funktioniert. Hätte Frau Funk darüber gesprochen, dass sie eine Terrorgruppe gründen wolle, um Muslime aus dem Weg zu räumen – oder junge Frauen – oder Redakteure von Massenmedien: Dann hätte sich diese Aussage nicht als locker-flockige Provokation verkaufen lassen. Warum wirkt sie als weitgehend harmlose Provokation, sobald sie sich gegen alte weiße Männer richtet?

David Bowie, Iggy Pop: Zwei alte weiße Männer, von denen der eine schon – was unendlich schade ist – „aus dem Weg geschafft“ ist und der andere seit fünfzig Jahren konstant wütend wirkt. In Berlin wohnten beide zusammen, sie waren bis zu Bowies Tod befreundet.
Ein Text, mit dem diese Frage beantwortet werden kann, wird viel zitiert, aber wohl deutlich seltener gelesen: Der Text Angry White Men des amerikanischen Soziologieprofessors Michael Kimmel, veröffentlich 2013, ins Deutsche übersetzt 2015 und von der Bundeszentrale für politische Bildung 2016 ins Programm übernommen.
Wer den Text tatsächlich liest und nicht allein seinen Titel zitiert, erfährt allerdings weniger über weiße Männer als über die Art und Weise, wie über sie gesprochen wird. Was genau, zum Beispiel, macht diese Männer in Kimmels Augen so wütend?
„Das Buch handelt von zornigen weißen Männern, die unter etwas leiden, was ich als ‚kränkende Enteignung’ bezeichnen möchte.“ (S. 14)
Im englischen Original schreibt er vom „aggrieved entitlement“, was passender mit „gekränkte Anspruchshaltung“ übersetzt wäre. Für diese Anspruchshaltung weißer Männer gibt es in Kimmels Augen einen einfachen Grund: Sie hätten sich an Macht und Privilegien als etwas Selbstverständliches gewöhnt, und der Verlust dieser Selbstverständlichkeiten wäre für sie kränkend und verletzend.
„Das Ende des unhinterfragten männlichen Anspruchs auf Privilegien ist der Anfang vom Ende des Patriarchats, vom Ende des unhinterfragten männlichen Anspruchs auf Machtpositionen, auf Eckbüros, auf Frauenkörper (…)“ (S. 14f.).
Seine These vom „aggrieved entitlement“ belegt Kimmel nicht, sondern setzt sie in seinem Text immer schon voraus. Die Daten, die er untersucht, und die Aussagen aus Gesprächen, die er geführt hat, deutet er regelmäßig als Symptome der Diagnose, die er schon ganz zu Beginn stellt. Anstatt aber vorsichtig mit einem solchen umfassenden Deutungsanspruch umzugehen, unterstellt er seinerseits weißen Männern einen umfassenden Machtanspruch in der „Weltgeschichte“.
Der weiße Mann manipulierte die Spielregeln auf der ganzen Welt so massiv, dass alle anderen fast gänzlich ausgeschlossen waren. (…) Für ein Geschlecht, dessen gesamte Identität davon abhängt, dass es jedes Spiel gewinnt, ist es vielleicht zu beängstigend, ohne Vorsprung und unter gleichen Bedingungen zu spielen.“ (24)
In dieser Interpretation fühlen sich weiße Männer „als Opfer, obwohl sie auf der Welt immer noch die meiste Macht haben.“ (34) Wenn also weiße Männer wütend seien, dann nicht, weil sie vor realen Problemen stünden – sondern weil sie angesichts eines ebener gewordenen Spielfelds heute nicht mehr die Vorteile hätten, die sie einmal hatten. „Gleichberechtigung kann ätzend sein, wenn man sich so an die Ungerechtigkeit gewöhnt hat, dass sie einem normal vorkommt.“ (66)
Damit bekommt dann jedes Problem, das Kimmel sich von seinen Gesprächspartnern im Laufe seines Buches schildern lässt, einen Drall ins Subjektive: Nicht die soziale Realität sei problematisch, sondern die antiquierte und nicht mehr passende Anspruchshaltung, mit der ein Mann sie wahrnähme.
An keiner Stelle überprüft der Autor seine Annahmen – sie sind nicht Gegenstand seiner Überlegungen, sondern gleichsam das Licht, in dem er alles andere betrachtet. Damit aber gelangt er zu erheblichen Fehlurteilen und Falschdarstellungen, zum Beispiel, wenn er sich mit häuslicher Gewalt oder mit der Situation von Vätern beschäftigt.
Bombendrohungen, Tragödien und andere Erfahrungen mit der Gewaltlosigkeit
„Was geschieht, wenn wir uns diese lächerlichen Behauptungen näher ansehen?“ (148), fragt Kimmel und meint damit die Ergebnisse von Forschungen, nach denen Männer häusliche Gewalt in etwa demselben Maße erleben wie Frauen. Was dann geschieht, wird leider nicht klar, weil der Soziologieprofessor diese Ergebnisse eben nicht näher ansieht.
John Hamels bedeutendes und einschlägiges Handbuch „Family interventions in domestic violence: a handbook of gender inclusive therapy and treatment“ aus dem Jahre 2007 (ins Deutsche übersetzt 2013, Näheres in den Bemerkungen) wird von Kimmel beispielsweise nicht einmal erwähnt.
Wissenschaftliche Diskussionen um Häufigkeit, Schwere und besonders um die Dynamik häuslicher Gewalt durch beide Geschlechter können ja durchaus mit guten Gründen kontrovers geführt werden. Kimmel aber kürzt solche Diskussionen ab, indem er schlicht auf seine Ausgangshypothese zurückgreift.
„Frauen töten ihre Mann, wenn sie um ihr Leben und das ihrer Kinder fürchten; Männer töten ihre Frau, wenn sie das Gefühl haben, dass sie nicht bekommen, was ihnen zusteht und dass sie ihre Macht verlieren.“ (213)
Das bedeutet auch: Das Ergebnis jeder nur denkbarem empirischen Studie zu häuslicher Gewalt steht immer schon fest, bevor die Studie begonnen hat. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Männer ebenso wie Frauen Opfer häuslicher Gewalt sind, kann die Gewalt von Frauen immer ganz anders interpretiert werden als die von Männern.
So ist es für Kimmel denn auch immer schon deutlich, dass es ein ernsthaftes Engagement gegen häusliche Gewalt nur von feministischer Seite geben kann:
„Wenn die Männerrechtsaktivisten wirklich Legionen geschlagener Männer helfen würden, würden sie sich mit den feministischen Frauen in der Bewegung gegen Gewalt verbünden (…).“ (148)
Das aber blendet vieles aus.
Erin Pizzey müsste heute eigentlich als Gründerin des ersten Frauenhauses eine feminstische Ikone sein. Stattdessen wurde sie zu einer Hassfigur, als sie davon berichtete, dass auch Frauen gewalttätig und auch Männer zum Opfer häuslicher Gewalt würden. Der Freitag berichtet von Bombendrohungen gegen Pizzey, von „Morddrohungen gegen ihre Kinder, noch später gegen ihre Enkel“ .
Bombendrohungen erlebten auch der Soziologe Murray Straus und seine Mitarbeiter, die auf die „verschwiegenen (nämlich männlichen, LS) Opfer häuslicher Gewalt“ hinwiesen. Die stärkste Wucht, so erinnert sich einer von ihnen, hätte die Frau im Team getroffen, Suzanne Steinmetz.
Entweder kennt Kimmel den Gegenstand seiner Forschung nicht und ist nicht einmal mit Sachverhalten vertraut, die er in einer einminütigen Google-Recherche herausfinden könnte – oder er kennt sie und stellt sie wissentlich falsch dar. Das gilt auch für das Thema der Väterrechte.
Die unzähligen Freuden des Feminismus
Sein Buch handle auch davon, so Kimmel,
„wie diese Durchschnittsmänner Söhne aufziehen, die in der Schule auf schwächeren Kindern herumhacken, Kameraden applaudieren, die sich ihrer Angriffe gegen Frauen und Schwule brüsten (…) Dieselben Söhne suchen nachts im Netz nach Sprengstoff, um ihre Schule in die Luft zu jagen.“ (44)
Diese Passage ist vollständig unbelegt. Wer in diesem Duktus der pauschalen Aburteilung bei Facebook beispielsweise über Muslime schreiben würde, der stünde schnell, und zurecht, als rechter Hetzer da.
Der Autor gesteht Vätern, die willkürlich von ihren Kindern getrennt werden, durchaus zu, dass sie „persönliche Tragödien“ (170) erleben würden – es bestehe aber „ein gewaltiger Unterschied zwischen bloßer Benachteiligung und Diskriminierung“. (153) Als ob Väter, die so den Kontakt zu ihren Kindern verlieren, froh sein könnten, damit bloß eine Benachteiligung und keine Diskriminierung zu erleben.
„Männerrechtsorganisationen“ würden dann diese Tragödien missbrauchen, um Männer gegen Frauen aufzuhetzen (170), und sie würden „eine rechtsextreme Theorie über Vaterlosigkeit“ (182) verbreiten, nach der eine Trennung vom Vater für Kinder nachteilig wäre – was vielfach belegt, aber gewiss nicht rechtsextrem ist. Sie seien ohnehin nur an Söhnen und nicht an Töchtern interessiert, also an der Fortsetzung ihres männlichen Privilegs. (185)
Eigentlich aber sollten sich die entsorgten Väter eine einfache Frage stellen:
„Wem haben die Männer die unzähligen Freuden zu verdanken, die das größere Engagement im Familienleben mit sich bringt? Den Feministinnen natürlich!“ (177)
Kein Wort davon, auch nicht in der deutschen Übersetzung und der Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, dass die schärfste Gegnerschaft gegen eine Gleichberechtigung von Vätern mit Müttern von Feministinnen organisiert wurde.
Kimmel spricht sich schließlich gleichwohl für eine gemeinsame Sorge von Vätern und Müttern aus (200f.), erwähnt aber nicht, dass er damit Positionen der Väterrechtsbewegung übernimmt, die gerade von Feministinnen bitter bekämpft wurden und werden.
Es ist heute eine Selbstverständlichkeit, darauf hinzuweisen, dass es DEN Feminismus nicht gäbe, sondern dass diese Bewegung enorm facettenreich und unterschiedlich sei. Warum also gesteht Kimmel nicht einfach zu, dass zu diesen vielen Seiten auch dunkle Seiten gehören können? Schließlich hat es noch niemals eine hinreichend große soziale Bewegung gegeben, die ausschließlich positive, menschenfreundliche Aspekte gehabt hätte. So hat seine Position gegenüber dem Feminismus schließlich eher einen religiösen als einen soziologischen Charakter.
Sind Männerrechtler schlimmer als Nazis?
Das lässt sich leicht erklären. Die ungeheure komplexe und reichhaltige soziale Realität moderner westlicher Industriegesellschaften schaukelt Kimmel über einen einzigen Hebel: über die Unterstellung von Macht, Privilegien und damit verbundener Anspruchshaltungen. Wer Macht hat, werde dadurch korrumpiert, gefühllos und bereit, zum Erhalt seiner Macht Gewalt anzuwenden. Die Menschen, die er als ohnmächtig imaginiert, seien dementsprechend integer, konstruktiv, und sie übten Gewalt schlimmstenfalls zur Verteidigung aus.
Die Eindimensionalität dieses analytischen Zugangs mündet so in einer schroffen Gut-Böse-Zweiteilung. Tatsächlich finden sich eben dieselben Muster auch rechts außen im politischen Spektrum, lediglich mit dem Unterschied, dass Kimmel sie komplementär dazu bewertet. Während dort der Feminismus klischeehaft die westliche Kultur verdirbt, ist er bei Kimmel klischeehaft eine Bewegung des politischen Heils. Während dort Weiße ressentimentgeladen als Opfer eines Genozids durch die weltweiten Migrationen hingestellt werden, sind sie bei Kimmel ressentimentgeladen weltweit Träger politische Destruktivität.
So ist es auch kein Zufall, dass Kimmel angesichts dieser holzschnittartigen Gegenüberstellungen schon im Titel auf biologistische Kategorien zurückgreift, auf Rasse und Geschlecht: „Rassische und geschlechtsspezifische Privilegien sind klassenunabhängig.“ (13)
Dass er seine harten Gut-Böse-Gegenüberstellungen geschlechterdifferent besetzt, hat am Ende eine weitere absurde Konsequenz. Sympathie mit Männerrechtsbewegungen sei nicht möglich, aber:
„Im Vergleich zu ihnen haben die weißen Suprematisten wenigstens zur Hälfte recht: Sie wurden bei der rasend schnellen Entwicklung des globalen Marktes tatsächlich vergessen.“ (326)
Nun ist dem globalen Markt möglicherweise einiges vorzuwerfen, aber wohl nicht unbedingt, dass er weiße Suprematisten vergessen habe. Wichtiger aber: Selbst noch den amerikanischen Nazis kann Kimmel im Unterschied zu Männerrechtlern etwas abgewinnen.
Ganz unabhängig aber davon, ob er mit seiner Darstellung dieser Bewegung recht hat: Ist es nicht offenkundig männerfeindlich, wenn ein Einsatz für die Rechte von Männern als gesellschaftliches Grundübel hingestellt wird, neben dem sogar Nazi-Positionen vergleichsweise sympathisch wirken?
Ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vielleicht doch ganz in Ordnung?
Kimmel würde den Vorwurf der Männerfeindlichkeit scharf zurückweisen. Er wende sich schließlich nicht etwa gegen Männer, sondern gegen antiquierte Konstruktionen von Männlichkeit.
„Die ‚Feinde’ der weißen amerikanischen Männer sind nicht wirklich die Frauen und die Nichtweißen. Ihr Feind ist eine Ideologie der Männlichkeit, die sie von ihren Vätern und Großvätern ererbt haben (…)“ (25)
In diesem Sinne sind Männer dann tatsächlich rundweg „alt“, auch dann, wenn sie noch Jungen sind – sie hingen einem veralteten, überkommenen Modell nach, das zudem gewalttätig wäre: „einer Konstruktion, die Gewalt als legitime Reaktion auf eine Demütigung definiert.“ (104)
Allerdings weist Kimmel nirgends nach, dass Probleme, die weiße Männer haben, tatsächlich auf solche Konstruktionen zurückzuführen seien. Stattdessen ist die Annahme der gekränkten Anspruchshaltung, die unter anderem in Gewalt führe, Grundmuster seiner ganzen Darstellung.
Er greift über sein Buch hinweg durchaus ernsthafte soziale Probleme auf, stellt sie aber jeweils über Gruppen von Männern dar, mit denen kaum jemand Empathie empfinden kann.
Er schreibt über schulische Probleme von Jungen – und konzentriert sich dann auf schulische Amokläufer. (Kapitel 2: „Zornige weiße Jungen“)
Er skizziert das Leid von Trennungsvätern – und konzentriert sich dann auf „Männerrechtler“, die dieses Leid zur Hetze gegen Frauen nutzen würden. (Kapitel 3: „Weiße Männer als Opfer: die Männerrechtsbewegung“, Kapitel 4: „Zornige weiße Väter“)
Er schreibt über familiäre Probleme von Männern, die ihre Funktion als Versorger nicht mehr erfüllen können, obwohl eben diese Funktion weiterhin von ihnen erwartet wird – und konzentriert sich auf Männer, die gewalttätig gegenüber Frauen sind. (Kapitel 5: „Frauen als Zielscheibe“)
Er schreibt über die immer schlechter werdenden Perspektiven vieler Männer an ihren Arbeitsplätzen – und konzentriert sich dann auf Männer, die am Arbeitsplatz Amok laufen. (Kapitel 6: „Mad Men: Amokläufe am Arbeitsplatz“)
Er schreibt über das Absinken weiter Teile des weißen Mittelstands in die Armut – und konzentriert sich dann auf weiße Rassisten und Nazis. (Kapitel 7: „Die weiße Rechte“)
Jedes soziale Problem, dass er aufgreift, wird also gebrochen und perspektiviert durch die Darstellung des Mannes, oder des Jungen, als Gewalttäter. Soziale Analysen versenkt Kimmel so umfassend und konsequent im Geschlechterressentiment.
Tatsächlich sind sein Thema Konstruktionen, nicht reale Männer – aber es sind seine eigenen Konstruktionen, nicht die der Männer, von denen er berichtet. Natürlich, es gibt auch reale wütende weiße Männer, doch um die geht es hier gar nicht. Männer sind hier Projektionsflächen, keine realen Menschen mit realen politischen Problemen, die reale politische Lösungen erfordern.
So erst lässt sich dann wohl auch die tiefe Feindschaft gegenüber der Männerrechtsbewegung erklären. Männer, die sich eigenständig und ohne sich an feministische Positionen gebunden zu fühlen an Debatten beteiligen, die sich ins Gespräch bringen, eignen sich eben nicht mehr als reine Objekte von Projektionen anderer.

In welcher Gemütsverfassung ist eigentlich ein Mensch, der in den Spiegel schaut und dort nur wütende Männer entdeckt?
Was Kimmel als einen linken, progressiven Ansatz ausgibt, ist damit tatsächlich eine späte Neuauflage frühkapitalistischer Moralisierungen: Soziale Probleme werden als Charakterfehler eben der Menschen hingestellt, die unter diesen Problemen leiden.
Das sind in der sozialen Realität außerhalb von dieser Konstruktionen dann auch nicht nur Männer, sondern auch Frauen. So sehr Donald Trump heute auch Frauenfeindlichkeit vorgeworfen wird – sowohl eine Mehrheit der Frauen ohne Universitätsabschluss wie auch eine Mehrheit der weißen Frauen hatte für ihn gestimmt.
Wie aber soll eine demokratische Linke Perspektiven gegen politische Gegner wie Trump, die Front National oder die AfD entwickeln, wenn sie deren Ressentiments schlicht übernimmt, sie lediglich umwertet und sie dann ausgerechnet gegen eben die Menschen richtet, die einmal Träger linker Politik waren?
Wenn eine seriöse Wochenzeitung wie Die Zeit Todeswünsche gegen alte weiße Männer als Clickbait veröffentlicht und wenn sie damit den Eindruck erweckt, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sei eigentlich ganz in Ordnung, sobald sie sich nur gegen die richtigen Gruppen richte – dann ist das kein Missbrauch von Kimmels Text, sondern sein konsequenter Gebrauch.
Dieser Text ist gar nicht dafür da, sorgfältig und kritisch studiert zu werden. Sein Zweck ist, den Eindruck zu erwecken, gängige politische Klischees wären irgendwo sorgfältig wissenschaftlich begründet: Das Klischee zum Beispiel, weiße Männer hätten keinen Anspruch auf Empathie, weil sie ohnehin unter nichts anderem leiden würden als unter dem gerechtfertigten Verlust ungerechtfertigter Privilegien.
Warum aber veröffentlicht die Bundeszentrale für politische Bildung solch einen Text? Warum nicht lieber ein Buch wie, zum Beispiel, das so viel sorgfältiger recherchierte und so viel weniger feindselig geschriebene Plädoyer für eine linke Männerpolitik von Arne Hoffmann?
Das werde ich in dieser Woche dort einmal nachfragen.
Michael Kimmel: Angry White Men. Die USA und ihre zornigen Männer, Bonn 2016
John Hamel/Tonia L. Nicholls (Hrsg.): Familiäre Gewalt im Fokus. Fakten – Behandlungsmodelle – Präbention, Frankfurt am Main 2013
Arne Hoffmann: Plädoyer für eine linke Männerpolitik, Springen 2014
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