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Eine Weihnachtsgeschichte

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Vor zwei Jahren hatte ich schon einmal eine Weihnachtsgeschichte geschrieben und im Blog veröffentlicht – ein Anlass war damals eine verunglückte Weihnachtswerbung. Vor einigen Tagen hatte ich mich daran zurückerinnert und gedacht, dass eine kurze Geschichte zu Weihnachten möglicherweise besser passt als ein ganz normaler Blogeintrag. Also habe ich noch eine geschrieben.

Die Geschichte ist aus der Perspektive eines Trennungskindes erzählt. Glücklicherweise gibt es mittlerweile einige Initiativen, die Trennungskindern ihre Situation erleichtern können – und typischerweise sind dies private Initiativen, keine aus den öffentlichen Institutionen wie etwa dem Familienministerium oder gar aus Parteien. Das Blog Geschlechterlallerlei  berichtet beispielsweise über den Verein „Flechtwerk 2+1“ und die Facebookgruppe „Quartier für Väter mit weiter Anreise“. Beiden geht es darum, Vätern – und auch Müttern – mit einer weiten Anreise zum Wohnort ihres Kindes Übernachtungsmöglichkeiten bei ehrenamtlichen Gastgebern zu vermitteln. Über Flechtwerk 2+1 hat auch schon die Badische Zeitung berichtet.

Mehr Informationen gibt es hier:

Über Flechtwerk 2+1 

Über die Facebookgruppe Quartier für Väter mit weiter Anreise 

weihnachten

Eine weite Anreise hat auch der Vater in der folgenden Geschichte – im Mittelpunkt steht aber das Kind, nicht er. Es ist eine traurige Geschichte, aber eine Weihnachtsgeschichte ist es auch.

Ich wünsche allen – ob sie sich hier aufs Lesen beschränken oder ob sie auch kommentieren – sehr schöne Weihnachtstage!

 

Der Lügner – Eine Weihnachtsgeschichte

Endlich öffnete sein Vater das Geschenk. Er hatte es zunächst beiseite gelegt, ganz an den Rand Tisches – hatte erst alle anderen Pakete aufgemacht, sich überschwänglich beim Jungen für ein Taschenbuch und für eine Seife vom Weihnachtsmarkt bedankt – und er hatte ihn natürlich vorher noch beobachtet, wie sein Sohn seine eigenen Geschenke auspackte, ein neues Fifa-Spiel, ein Spiderman-Buch und ein Lexikon für Jugendliche.

Nun endlich, als es nicht mehr zu vermeiden war, nahm der Vater noch einmal das letzte Paket in die Hand, als ob er nicht wüsste, was er damit anfangen soll, und der Junge sah, dass er es gern wieder weggelegt hätte. Nur ein Mal hatte sein Vater auf die Karte geschaut, die an dem Päckchen klebte, und der Junge wusste genau, was auf ihr stand: „Lieber Peter, ich wünsche dir schöne Weihnachten. Kathrin“ Er hatte sehr lange für diesen Satz überlegen müssen.

Am Mittag waren sie noch einmal in der Kirche gewesen, zum Gottesdienst am zweiten Weihnachtstag, kurz nachdem der Vater und er mit dem Zug angekommen waren. Den Pastor Schulz, der gepredigt hatte, kannte er, seit er ein kleines Kind war. Der hatte noch einmal über die Geburt von Jesus gesprochen, darüber, dass sich zwar alle Menschen auf dieses Kind gefreut hätten, dass aber, als es dann da war, niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben wollte. So sei Jesus dann in einem Stall geboren worden. Heute käme es uns so vor, als ob das für die Geburt eines Messias ganz normal sei, in einem Stall und nicht in einem Haus zur Welt zu kommen, in einer Futterkrippe zu liegen und nicht in einem Bett. Tatsächlich zeige sich daran aber, dass niemand seine schwangere Mutter und deren Mann aufgenommen habe. Niemand habe sich für das Kind verantwortlich gefühlt.

Gott aber habe natürlich gewusst, dass ein besonderes Kind geboren worden sei, und er habe einen Stern leuchten lassen über dem Stall, und Hirten seien dem Stern gefolgt, um das Kind zu begrüßen, und schließlich seien ihm sogar Könige gefolgt und hätten ihm  ihre Geschenke an die Krippe gebracht.

Während der Predigt hatte der Junge überlegt, wie sein Vater wohl auf das Geschenk reagieren würde. Dass er vielleicht Tränen in den Augen haben würde, weil er damit nicht gerechnet hatte und sich freute – das war seine liebste Vorstellung. Er könnte auch einfach überrascht sein. Oder erleichtert. Oder etwas beschämt, weil er selbst kein Geschenk für die Mutter hatte. Oder verwundert darüber, dass sie noch immer so gut seine Wünsche kannte. –

Groß war das Paket, das der Vater nun öffnete – so groß, dass er es nur mit Mühe vorher hatte übersehen können. Ein Buch von seinem Lieblingsmaler war darin, und der Junge wusste, dass sein Vater sich das Buch schon lange gewünscht, es sich aber nie geleistet hatte. Einmal hatte der Vater ihm davon erzählt, und obwohl er nicht verstanden hatte, warum die Bilder dem Vater gefielen, hatte er sich den Namen des Malers gut gemerkt.

Er selbst fand die Bilder seltsam. Sie sahen aus wie Bilder aus älteren Comics, aber sie stimmten nicht – einige Menschen waren zu groß, andere zu klein, und obwohl sie umgeben waren von alltäglichen Gegenständen, wirkte ihre Welt fremd und kalt. Auf einem Bild hielt ein junger Mann, der große Hände wie eine Mickymaus hatte, einen älteren erwachsenen Mann in seinen Armen, als ob dieser ältere Mann sein Kind wäre. Der Junge fand die Bilder nicht schön.

Er wusste aber, dass sein Vater sich über das Buch freuen musste, weil er es sich schon so lange gewünscht hatte. Doch als er es sah, schlug er es nicht einmal auf.

Er wisse nicht, was das soll, sagte der Vater plötzlich. Nicht einmal eine Entschuldigung hebe es gegeben in diesen Jahren, und kein Wort der Erklärung, aber nun plötzlich das. Er wisse nicht, was sie damit bezwecke – vermutlich wolle sie irgendetwas von ihm.

Damit hatte der Junge nicht gerechnet. Er sah, dass der Vater zu sich selbst sprach und nicht zu ihm, aber trotzdem machte seine Wut ihm Angst. Jetzt merkte der es, biss sich auf die Lippen und versuchte, seinem Sohn zu erklären, worüber er so wütend war.

Er verstehe nicht, warum die Mutter ihm nun plötzlich ein Geschenk mache. Sie habe seit Jahren nur das Nötigste mit ihm geredet. Er hätte sich gern mehr um seinen Jungen gekümmert, sie habe aber nie mit ihm darüber sprechen wollen. Er wäre ihnen auch hinterhergezogen, in die neue Stadt, wenn sie nur bereit gewesen wäre, mit im darüber zu reden, und nicht gleich wieder weiter zu ziehen. Er habe dann die kleine Wohnung dort gemietet, nur für die Besuche bei dem Jungen. Sie habe ihm das noch zum Vorwurf gemacht, weil sie das für verschwenderisch hielt. Andere Väter würden im Auto schlafen, wenn sie ihren Sohn besuchen, hatte sie gesagt. Im Auto, tatsächlich.

Und nun käme sie plötzlich an und meine, mit einem Geschenk sei alles in Ordnung. Es sei unfassbar.

Der Junge verstand nicht, was sein Vater sagte, und er hätte am Liebsten gar nicht zugehört. Er merkte nur, dass er anfing zu weinen, und er hatte das Gefühl, dass er etwas sehr Schlimmes getan hatte. Er weinte eine Weile, bis sein Vater die Tränen endlich bemerkte, noch wütender wurde und das Buch auf den Boden schmiss. Du musst nicht darüber weinen, sagte der Vater, nun etwas ruhiger, Du nicht.

Aber der Junge weinte weiter, verstand nicht, was den Vater so wütend macht, und wusste nur, dass er etwas getan hatte, was er nicht hätte tun dürfen.

In den nächsten Tagen sah er das Buch nicht mehr, der Vater hatte es offenbar versteckt und bemühte sich darum, dass sein Sohn schöne Tage erlebte. Sie gingen essen, sie spielten Fußball miteinander, sie gingen ins Kino, und er durfte morgens so lange im Schlafanzug durch die Wohnung laufen, wie er wollte. Erst am letzten Tag, schon im Zug und kurz bevor sie bei der Mutter wieder ankamen, fragte der Junge noch einmal nach dem Buch.

Das braucht dich nicht zu kümmern, sagte der Vater und meinte das tröstend, darüber musst du dir keine Sorgen machen. Das habe ich für mich geklärt. Es tut mir leid, dass ich so wütend war.

Natürlich war der Junge nicht zufrieden, und er hatte Angst, dass der Vater das Buch einfach weggeschmissen hatte. Als sein Vater ihn wie üblich unten im Hausflur an die Mutter übergab, ohne dass er und die Mutter miteinander sprachen, auch wie üblich – da war der Junge froh, dass die Mutter nichts von dem Geschenk wusste. Es hätte sie verletzt, wie der Vater darauf reagiert hatte.

Er ging mit ihr die Treppen hinauf in die Wohnung, erzählte nichts von den letzten Tagen, und sie fragte auch nicht danach, sondern schilderte ihm, was sie in dieser Zeit getan hatte. Sie setzten sich in die Küche, und dort hatte sie sich einen Tee und ihm eine heiße Schokolade gekocht, zur Begrüßung.

Als er kam, hatte der Junge darauf geachtet, ob sie nach dem Parfum roch. Vielleicht lag es einfach daran, dass er etwas erkältet war, jedenfalls hatte er nichts davon gemerkt. Vielleicht hatte sie es auch so sparsam angelegt, dass es kaum wahrzunehmen war – dieser Gedanke gefiel ihm, weil es bedeutete, dass sie das Parfum so lange wie möglich aufbewahren wollte.

Sie hatte anders reagiert als der Vater, als sie das Geschenk geöffnet hatte. Erstaunt war sie gewesen, und sie hatte kurz gelacht, als sie die Packung mit der kleinen Flasche sah. Der Junge wusste, dass die Mutter ein Parfum der Marke Chanel liebte, eines mit der Nummer 5. Er wusste aber auch, dass sie es sich schon lange nicht mehr gekauft hatte. Im Laufe des Abends hatte die Mutter die Flasche dann noch einmal herausgeholt und sich etwas von dem Parfum an die Handgelenke und an den Hals gespritzt, und dann hatte sie noch einmal kurz gelacht.

Auf die Karte für die Mutter hatte der Junge dasselbe geschrieben wie auf die Karte für den Vater, nur eben mit vertauschten Namen. „Liebe Kathrin, ich wünsche Dir schöne Weihnachten. Peter“ Er hatte zuerst einen längeren Text schreiben wollen, hatte dann aber eingesehen, dass er mehr Fehler machen konnte, wenn der Text länger war. Je mehr er geschrieben hätte, desto eher hätten die Eltern möglicherweise gemerkt, dass das Text von ihm war, und nicht von Peter, und nicht von Kathrin.

Er hatte dann nur einen Satz geschrieben, mit dem Computer, ihn auf die Karte aufgeklebt und nur die Unterschrift noch darunter gesetzt – die Unterschriften der Eltern hatte er geübt.

Er hatte aufgepasst im letzten Jahr, seitdem er kurz nach seinem Geburtstag auf diese Idee gekommen war und sein Geburtstagsgeld dafür gespart hatte. Wenn er merkte, dass sein Vater sich etwas wünschte, oder dass seine Mutter sich etwas wünschte, dann fragte er unauffällig nach, um ein genaueres Bild zu bekommen. Es war ihm wichtig, bei diesen Geschenken alles richtig zu machen.

Als er sie schließlich gekauft hatte, hatte er sie gern aus dem Versteck im Schrank herausgeholt und sich vorgestellt, wie die Eltern darauf reagieren würden – wie sie sich freuen würden, gerührt waren, wie der Vater das Buch sofort begeistert lesen oder die Mutter das Parfum sofort stolz auflegen würde.

Der Junge verstand nicht, was er falsch gemacht hatte, und er hatte sich auch nicht mehr getraut, den Vater zu fragen. Er war nur froh, dass wenigstens die Mutter das Geschenk mochte, auch wenn sie heute das Parfum nicht zu tragen schien.

Schließlich war der Junge doch neugierig, ging aus der Küche, tat so, als ginge er in sein eigenes kleines Zimmer, schloss laut dessen Tür und schlich sich leise zum Zimmer der Mutter. Die Tür war nur angelehnt, so dass er geräuschlos eintreten konnte. Er schaute nach, ob das Parfum vielleicht einen Ehrenplatz im Regal hatte, aber da stand es nicht. Auch auf dem kleinen Schrank unter dem Plakat einer Partei, auf dem die Mutter andere Duftflaschen sammelte, stand es nicht. Wonder Woman, stand auf dem Plakat, und eine lächelnde Mutter war darauf zu sehen, die auf ihrem Schoß zwei lachende Kinder festhielt.

Schließlich fiel dem Jungen ein, dass er am falschen Ort nachsah – das Parfum stand vermutlich im Badezimmer, weil die Mutter es dort immer schon gleich aufsprühen konnte, nachdem sie sich gewaschen hatte. Er wollte das Zimmer gerade wieder verlassen, als er zufällig in den Papierkorb sah, der unter dem kleinen Tisch neben der Tür stand, und dort etwas bemerkte, das ihm bekannt vorkam. Dann wusste er, was es war – es war die Karte, die er für die Mutter gemacht hatte. Unterschrieben mit dem Namen seines Vaters.

Er holte die Karte heraus, beruhigte sich, weil er dachte, dass die Mutter mittlerweile vielleicht alle Weihnachtskarten weggeschmissen hatte, nicht nur die des Vaters – und dann sah er im Papierkorb die Chanel-Packung und schließlich, nachdem er sich mit den Händen weiter nach unten gewühlt hatte, auch die Flasche. Die schwarze Kappe war zerbrochen, die Flasche war offen, aber noch voll.

Der Junge merkte nun wieder, dass er weinte, er wusste nicht, was geschehen war, und ihm fiel niemand ein, mit dem er darüber sprechen konnte. Wieder hatte er das Gefühl, dass er etwas sehr Schlimmes gemacht hatte, auch wenn er nicht genau wusste, was das war. Er hatte gelogen, natürlich, das war wohl sehr schlimm – aber in den Wochen vor Weihnachten war es ihm nicht so vorgekommen, als ob es schlimm sei, da hatte er das Gefühl gehabt, es sei eine gute Idee, und die Eltern würden sich freuen darüber.

Er ging in sein Zimmer, setzte sich unter sein Hochbett und schaute aus dem dunklen Raum nach draußen. Er konnte wenig erkennen, weil es auch dort dunkel und weil sein Blick durch die Tränen verschwommen war. Er konnte aber sehen, dass Wolken den Nachthimmel bedeckten, von denen einige so tief standen, dass sie sich vom den schwarzen Himmel etwas abhoben. Sterne waren dort nicht zu sehen.


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